Zukunft der Industrie
Die Biologisierung der Welt

Die Biotechfirma Brain will die Herstellung von Chemikalien revolutionieren. Das Unternehmen macht aus Mikroben Rohstoffe für die Industrie - und agiert dabei auf einem äußerst dynamischen Markt. Über Transformation und Wandel in einer Branche von strategischer Bedeutung.
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FRANKFURT. Transformation hat für Holger Zinke viele Facetten. Wenn sich Bakterien, Pilze und andere Mikroorganismen durch die Aufnahme von Biomolekülen verändern - dann ist das für ihn Transformation im Kleinen. Damit kennt sich der promovierte Mikrobiologe Zinke aus.

Transformation gibt es aber auch im industriellen Maßstab. Wenn sich etablierte Industrien und Branchen, allen voran die chemische Industrie, für biologische Produkte und Verfahren und natürliche Rohstoffe öffnen - getrieben von dem enormen globalen Wettbewerbsdruck und dem immer höher steigenden Preisen für ihren wichtigsten Rohstoff Öl. "Die Biologisierung der Chemie- und Konsumgüterindustrie ist unaufhaltsam", sagte Zinke, der Pionier dann, wenn er diesen Veränderungsprozess beschreibt.

Der 46-Jährige weiß, wovon er spricht. Schließlich klopft bei der 1993 von ihm mit gegründeten Firma Brain im hessischen Zwingenberg das "Who is Who" der Chemie- und Konsumgüterindustrie an. Gesucht werden: Designermikroben, die künftig Massenchemikalien aus nachwachsenden Rohstoffen gewinnen können. Aber auch stoffwechselgetrimmte Mikroorganismen, die dafür sorgen, dass Produktionsprozesse effizienter ablaufen können, weil weniger Energie oder Wasser verbraucht wird. Kürzlich hat Brain eine neue Forschungskooperation mit dem niederländischen Chemiekonzern DSM geschlossen, um neue Produktions-Stoffwechselwege für Spezialchemikalien zu entwickeln.

Zusammen mit dem Konsumgüterhersteller Henkel hat Brain vor einigen Jahren die Leistungsfähigkeit eines Enzyms soweit verbessert, dass Wäsche fortan auch bei 40 statt bei 60 Grad Waschtemparatur sauber werden konnte. Dafür erhielt Zinke im vergangenen Jahr den deutschen Umweltpreis und den Titel "Pionier der deutschen Biotech-Branche". Denn, so die Deutsche Bundesstiftung Umwelt: Mit dem neuartigen Waschmittel-Enzym kann rund 50 Prozent Energie gespart werden und damit mehr als eine Mio. Tonnen Treibhausgase allein in Deutschland.

Im Vergleich zur medizinischen Biotechnologie, bei der Medikamente oder diagnostische Tests entwickelt werden, spielt die industrielle oder auch weiße Biotechnologie noch eine kleine Rolle. Von den 501 Biotechfirmen in Deutschland forschen 44 Prozent im Bereich der medizinischen Biotechnologie und nur neun Prozent in der industriellen. Doch zeigen diese Zahlen nicht, dass auch die großen Chemiekonzerne auf dem Gebiet der weißen Biotechnologie aktiv sind - häufig in Zusammenarbeit mit Firmen wie Brain. Nach einer Schätzung der Unternehmensberatung Arthur D. Little lag der Anteil der weißen Biotechnologie an den chemischen Verkäufen im Jahr 2007 weltweit bei drei bis vier Prozent oder 50 bis 75 Mrd. Euro.

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