„Zwanzig-eins“
Verdrehte Sprache der Zahlen

Ostasiatische Kinder lernen schneller rechnen. Dass die Muttersprache die Fähigkeit beeinflusst, mathematische Strukturen und Zahlenwelten zu erfassen, ist unstrittig. Der Mathematik-Professor Lothar Gerritzen fordert deshalb die Einführung der logischen Zahlensprechweise im deutschen Schulunterricht.

DÜSSELDORF. Lothar Gerritzen ist ein Revolutionär der Zahlen. "Wir Deutschen sprechen die Ziffern verdreht aus", sagt der Mathematik-Professor von der Universität Bochum. Unsinnig kompliziert findet der Algebraiker ein System, das die Ziffer 21 "einundzwanzig" und nicht "zwanzig-eins" ausspricht. Bei mehrstelligen Zahlen muss der Deutsche sogar hin- und herspringen, wie das Beispiel 225 zeigt: erst links (zweihundert), dann rechts (fünf und), dann in die Mitte (zwanzig). Das mag Erwachsenen nicht als Problem erscheinen, rechenschwache Kinder aber stolpern über diese Sprachbesonderheit, sagen zum Beispiel "sechsundachtzig", wenn sie "68" sehen. Gerritzen gründete deshalb den Verein "Zwanzigeins", der die Einführung der logischen Zahlensprechweise im deutschen Schulunterricht fordert: 54 321 heißt dann "fünzigviertausend-dreihundertzwanzigeins". Bei Sprachtraditionalisten stößt das auf Abscheu.

Dass die Muttersprache auch die Fähigkeit beeinflusst, mathematische Strukturen und Zahlenwelten zu erfassen, ist jedoch unstrittig. Asiatische Kinder sind ihren westlichen Altersgenossen in jungen Jahren rechnerisch überlegen, wie vergleichende Studien zeigen. Denn im Chinesischen, Japanischen oder Koreanischen wird streng von links nach rechts gelesen, 21 etwa heißt auf Chinesisch "zwei-zehn-eins". Für Zehntausend (wan) und hundert Millionen (yi) gibt es eigene Zahlwörter, dafür keins für Millionen.

Die chinesischen Kinder profitieren von der logischeren Zahlsprechweise. "Hier zu Lande muss man am Anfang oft mehr erklären", sagt Inge Schwank, Professorin für Mathematik-Didaktik an der Universität Osnabrück, die seit Jahren mit chinesischen Pädagogen zusammenarbeitet.

Hirnforscher aus China und den USA veröffentlichten kürzlich eine Studie, die den Zusammenhang von Muttersprache und Rechenfähigkeiten zu belegen scheint. Der Neurowissenschaftler Tang Yiyuan von der Universität Dalian in Nordchina ließ 24 Probanden aus England und China im Computertomographen verschiedene Aufgaben lösen. Mit klaren Ergebnissen: Während die Engländer bei Additionen die für die Sprachverarbeitung zuständige Region beanspruchten, wurde bei den Chinesen eine Hirnregion aktiv, in der visuelle Informationen verarbeitet werden. Die Forscher vermuten einen Zusammenhang mit den unterschiedlichen kulturellen Anforderungen: Das Erlernen der chinesischen Schriftzeichen erfordert räumlich-visuelles Verständnis, die Schüler verbringen viel Zeit mit dem Kopieren und Auswendiglernen der Zeichen. Beim Rechnen wiederum setzen sie häufig den Abakus ein, während im Westen eher auf akustischen Unterricht gesetzt wird.

Dass kleine Asiaten schon im Kindergarten mühelos bis 100 zählen sowie elementare Rechenaufgaben lösen können, hat nicht nur linguistische Ursachen. Die Unterrichtsmethoden und der kulturelle Status des Lernens spielen dabei eine wichtige Rolle. Besonders in wohlhabenden Städten wie Schanghai fördern ehrgeizige Eltern ihre Sprösslinge auch außerhalb der Schule; Fleiß, Durchhaltevermögen und Konzentration zählen als wichtige Lerntugenden. "In China sagt man, ein guter Mathematiker hat 10 000 Aufgaben gelöst", sagt Schwank.

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