25 Jahre Telefonspinne
„Könnte derjenige, der im Zug sitzt, das Mikro ausmachen?“

25 Jahre alt und kein bisschen leise: Die Telefonspinne ist aus Konferenzen weltweit nicht mehr wegzudenken. Sie verbindet – und lässt Raum für Fantasie. Ein Telefonat mit dem Erfinder.
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DüsseldorfDas Gespräch beginnt, wie so oft, in einem dunklen Raum. Pechschwarz um genau zu sein. Es sind Stimmen zu hören, doch zu wem sie gehören, ist völlig unklar. Auch wie viele es sind. Nun gut, das lässt sich klären: „Hallo, hier ist Ina Karabasz vom Handelsblatt.“ Aufhorchen im Dunklen. „Ach, hallo Frau Karabasz, schön dass Sie da sind. Darf ich Ihnen vorstellen, wer alles im Call ist?“ Dann zählt der Herr von der PR-Agentur fünf Namen auf. Sie grüßen kurz, doch durch den Telefonhörer bleiben sie weiterhin unerkannt. Wie ein Date im Dunkelrestaurant. Aber immerhin ist der darunter, dem die Verabredung gilt: Jeff Rodman.

Er ist derjenige, der Treffen wie dieses in der ganzen Welt normal gemacht hat. Rodman ist einer der Erfinder der Telefonspinne. Jener dreieckige, schwarze Telefonapparat, der von den Konferenztischen von Unternehmen rund um den Globus nicht mehr wegzudenken ist. „Bitte geben Sie Ihren Konferenzcode ein und bestätigen ihn mit der Raute-Taste.“ Dieser Apparat.

25 Jahre ist es nun her, das Rodman und sein Co-Gründer Brian Hinman mit ihrer Firma Polycom mit der Telefonspinne die Welt auf ihre Weise ein bisschen verändert haben. Wahrscheinlich hat Rodman dabei geholfen, Milliarden Euro Reisekosten einzusparen. Vielleicht zumindest. Am Montag hat das Unternehmen Jubiläum gefeiert.

Eigentlich hatte er, wie viele andere in der Zeit, an Videokonferenzsystemen gearbeitet. Doch währenddessen sei ihm aufgefallen, dass viele Unternehmen sich zu sehr auf den Video- und nicht den Audioaspekt konzentriert hätten, erzählt Rodman. „Dabei war die Klangqualität nicht gut. 1991 waren Freisprechereinrichtungen ziemlich primitiv. Die Leute sind sich ständig ins Wort gefallen.”

Also hat er sich auf das konzentriert, was die Kunden aus seiner Sicht haben wollten: „Eine einfache und verlässliche Möglichkeit zusammenzuarbeiten, als wären sie im gleichen Raum.“ Die Frage ist allerdings manchmal, in welchem.
Es plätschert. Dann geht die Klospülung, jemand wäscht sich die Hände. Offenbar hält jemand die Konferenz auf der Toilette ab. Und hat vergessen, die Stummtaste zu drücken. So geschehen nicht in diesem Gespräch, sondern in einem mit wesentlich mehr Teilnehmern. Andere nutzen die Zeit, um die Spülmaschine auszuräumen oder einen Kaffee trinken zu gehen. Wer nicht stummschaltet, den verraten die Hintergrundgeräusche. Besonders häufig: Ansagen am Flughafen oder Bahnhof.

Mangelnde Konferenzdisziplin nennen manche das. Doch Jeff Rodman will das Geräusch-Problem nicht auf die Telefonierenden abwälzen. „Die Natur von Unternehmen hat sich stark geändert“, holt er aus. „Menschen arbeiten zu Hause, im Café oder von wo sie möchten.“ Für Telefonkonferenzen bringe das andere akustische Probleme. „Jetzt müssen wir beispielsweise mit schreienden Babys im Hintergrund zurechtkommen“, sagt der Manager. „Für die neuen Umgebungen brauchen wir neue Herangehensweisen. Also haben wir einen "akustischen Zaun" dafür entwickelt.“

Die Mikrofone werden so montiert, dass ab einer definierten Distanz nichts mehr zu hören ist, oder die Umgebungsgeräusche werden separat aufgenommen und dann aus dem Telefonat ausgeblendet. Letzteres bietet Polycom auch als „Noise Block“, also Geräuschblocker, an. „Es schaltet automatisch Geräusche wie Tippen auf der Tastatur oder jemanden, der seinen Kaffee schlürft, stumm“, bewirbt Rodman die Technologie.

Doch braucht es dafür eines der Geräte von Polycom. Haben Sie nicht Angst, dass Sie in der schönen neuen Arbeitswelt zunehmend Konkurrenz durch das Smartphone bekommen, Herr Rodman? Selbst Videotelefonate sind damit sehr einfach. Seine Reaktion ist durchs Telefon nicht zu sehen, aber er klingt überzeugt: „Auch wenn die Mitarbeiter weniger innerhalb der Firma arbeiten, es wird immer Orte geben, an denen mehrere Menschen im gleichen Raum sind.“ Außerdem biete Polycom längst auch Videotelefonie an und arbeitet mit Partnern wie Microsoft (Skype) zusammen.

Eines können seine Lautsprecher allerdings nicht. Noch nicht. Automatisch erkennen, wer da eigentlich spricht. „Wir arbeiten an Stimmenerkennung, aber es ist noch nicht marktreif“, sagt der Gründer. Dort gebe es auch zusätzlich Schwierigkeiten, wie hohe Anforderungen an den Datenschutz.

Wir verabschieden uns. Nachdem nun eine Zeit nur wir zwei im Raum gewesen zu sein schienen, füllt er sich nun wieder mit anderen Stimmen. Es kommt der Gedanke auf, wer eigentlich noch so alles als stiller Zuhörer dabei gewesen sein könnte. Es ist ein Risiko, aber eine Frage der Optionen. Rodman ist gerade an der US-Westküste. Die Reise wäre sehr weit gewesen. Oder wir hätten gar nicht gesprochen, auch schade. Da ist eine Telefonspinne doch schon sehr praktisch, auch wenn man sich im Dunkeln trifft.

Die Autorin ist Redakteurin im Ressort Unternehmen & Märkte. Sie erreichen sie unter: karabasz@handelsblatt.com
Ina Karabasz
Handelsblatt / Redakteurin Unternehmen & Märkte

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