Apps der Woche
Mehr Intelligenz fürs Smartphone

So schlau wie die Frau im Kaffeeladen: Mit einer Reihe neuer Apps erkennt das Smartphone, was der Nutzer vorhat – und zeigt gleich die richtigen Programme an. Die Firmen wollen die Kontrolle über den Startbildschirm.
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New YorkSie müssten eigentlich smarter sein, unsere Smartphones. Ein bisschen wie die Frau im Kaffeeladen an der Ecke. Sie erkennt mich schon, bevor ich durch die Glastür gehe. An der Theke angekommen, steht der Kaffee bereit, wir tauschen Geld und Grüße aus, die Routine geht weiter. Stecke ich danach den Kopfhörer in mein Mobiltelefon, will ich auch immer das gleiche: die Nachrichten. Doch das Gerät belässt meine Podcast-App da, wo sie immer ist: versteckt auf dem dritten Bildschirm.

Einige Apps wollen das ändern und unsere Smartphones gescheiter machen. Und die Technikriesen sind sehr, sehr interessiert. So hat Twitter die noch junge Firma Cover gekauft. Deren Programm verspricht, immer die richtigen Apps zur richtigen Zeit auf meinem Sperrbildschirm für den Schnellzugriff zu platzieren. Das ist fürchterlich praktisch. Und eine Riesenchance für die Firmen: „Diese Art von Apps sind das erste, was wir nutzen, wenn wir unser Gerät nutzen“, erklärt Brian Blau, Forschungsdirektor bei Gartner. „Wenn sie gut gemacht sind, können sie gar die hauptsächliche Schnittstelle eines Gerätes werden.“ Die Tür zu allem quasi.

Kampf um den Startbildschirm

Genau aus diesem Grund ist im Silicon Valley jüngst ein Kampf um unsere Startbildschirme entbrannt. Im Januar, also Monate vor dem Zukauf von Twitter, hatte sich der Tech-Veteran Yahoo für 80 Millionen Dollar die App Aviate geschnappt. Die beiden Apps funktionieren ganz ähnlich. Sie informieren sich über unsere Routinen, unsere Umgebung und die Tageszeit und bringen Relevantes in den Vordergrund. Ganz wie die Dame im Kaffeeladen.

Beide Apps wollen zunächst die Adressen Ihres Büros und Ihrer Wohnung wissen und analysieren dann, wie Sie Ihre Apps nutzen. Cover setzt mit diesem Wissen die richtigen Anwendungen auf ihrem Sperrbildschirm. Sind Sie im Büro, sind da das E-Mail-Programm oder der Kalender. Zu Hause ist es der Videoplayer und die Zeitung, unterwegs im Auto die Karten- oder Musik-Anwendung. Von da aus kann man eine Vorschau in die App erhalten oder sie direkt öffnen.

Aviate übernimmt das Gerät komplett

Aviate geht noch ein Stück weiter und übernimmt als sogenannter Launcher für Android das Gerät komplett. Das Programm organisiert Apps in sinnvollen Gruppen und zeigt auf dem ersten Bildschirm immer das an, was ich zu der Zeit an dem Ort brauchen könnte. Stecke ich beispielsweise meinen Kopfhörer ins Gerät, verwandelt sich das Smartphone in ein Musikgerät, die Musik-App Spotify, die Podcast-App Stitcher oder die YouTube-App sind schnell verfügbar. In den Gruppen empfiehlt die App außerdem Anwendungen, die Sie noch nicht heruntergeladen haben, die aber bei anderen beliebt sind.

Auch Google spielt hier mit, hat aber selbst etwas programmiert: Die App Now, die es für iOS und Android gibt, hat Google kürzlich in einen Launcher umgebaut und übernimmt damit wie Aviate das Gerät komplett. Ein Wischen nach links bringt den Now-Bildschirm zum Vorschein, wo Google uns personalisierte Börsenkurse und News präsentiert, oder vor Staus auf dem Weg zur Arbeit warnt. Nettes Detail: Ihr Gerät hört jetzt immer zu, ohne, dass Sie einen Knopf drücken müssen. Sagen Sie „Ok, Google“ und durchsuchen Sie per Sprachbefehl das Internet, starten eine App oder schreiben Sie eine E-Mail.

Google, Yahoo und Twitter wollen damit alle dasselbe: Die Schnittstelle zu allem sein, was Sie mit Ihrem Gerät tun.

Von Facebook gelernt (hoffentlich)

Das hat früher schon Facebook versucht. Das soziale Netzwerk hat vor nun gut einem Jahr unser „Zuhause“ werden wollen. Ein Launcher namens „Home“ wurde mit viel Tamtam auf den Markt geworfen – und praktisch augenblicklich wieder vergessen. Das war wohl ein wenig zu viel Facebook: Facebook-Bilder auf dem Sperrbildschirm, Facebook-Posts auf dem Homescreen, Facebook überall. „Die Umsetzung war schrecklich“, meint Forscher Blau.

Doch das Silicon Valley ist kein Ort, an dem Aufgeben eine Option ist. Zu verlockend sind die Möglichkeiten. Also versucht es nun Twitter mit Cover. „Es sind die Daten“, erklärt Blau. „Wenn die Masse die Apps benutzt, kann Twitter Entwicklern und Werbern mehr Informationen darüber geben, wie sie ankommen. Der Sperrbildschirm könnte beispielsweise für Werbung oder App-Empfehlungen genutzt werden.“ Er bezweifle aber, dass die Nutzer das zulassen würden.

Werbung im Sperrbildschirm?

Wie weit die Firmen gehen wollen, wird sich zeigen. Doch sie scheinen alle entschlossen, sich auf die eine oder andere Weise auf unseren Startbildschirmen einzunisten. Der Mobilchef von Yahoo sagte, Aviate sei im Kern die Mobilstrategie des Unternehmens, ohne Details zu nennen.

Für den Moment sind die Apps einfach sehr praktisch für uns. Sie wissen, was ich will, noch bevor ich es sage. Eben wie die Dame im Kaffeeladen. Der muss ich jedoch anders als bei den datenhungrigen Apps auch noch preisgeben, wie verschlafen ich am Morgen aussehe.

Michaël Jarjour
Michaël Jarjour
Handelsblatt / Freier Journalist

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