Datenschutz-Skandal
Deutsche Provider bestreiten Spyware-Einsatz

Carrier IQ heißt eine Software, die auf Millionen US-Smartphones offenbar SMS und Surfhalten mitschneidet. Droht Deutschland ein vergleichbarer Skandal? Die Mobilfunkanbieter hierzulande verneinen das.
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DüsseldorfIn den USA bahnt sich ein Datenskandal ungeahnten Ausmaßes an. Auf mehr als 141 Millionen Smartphones mit Android, Blackberry-System und Nokias Symbian-Betriebssystem ist die Software Carrier IQ installiert, wie der Hersteller selbst auf der Website angibt. Laut dem US-Blog „The Verge“ finden sich auch in älteren Versionen der iPhone-Systemsoftware Hinweise auf Carrier IQ.

Die Software soll Herstellern und Mobilfunkanbietern nützliche Informationen zur Nutzung von Smartphones liefern, um Probleme im Mobilfunknetz zu erkennen. Doch bei der dafür notwendigen Sammlung der Daten geht Carrier IQ offenbar zu weit.

Die Vorwürfe: Carrier IQ protokollierte SMS-Inhalte ebenso wie das Surfverhalten - selbst bei per SSL verschlüsselten Verbindungen. Dazu bedient sich die Software einer Methode, die sonst nur bei Schadsoftware üblich ist: Die Eingaben werden noch vor der Verschlüsselung direkt von der Tastatur abgefangen.

Zudem könne, wer Zugriff auf die Software erhält, beliebige Befehle auf dem Smartphone ausführen und die Software verstecke ihre eigene Existenz, führt der Blogger aus. Damit wäre die Software im Grunde nicht nur eine Spyware, sondern sogar ein sogenanntes Rootkit. Carrier IQ bestreitet die Vorwürfe. Eine zunächst angestrengte Klage gegen den Blogger Travor Eckhart, der den Skandal öffentlich machte, ließ das Unternehmen allerdings wieder fallen.

Die Software könnte auch auf deutschen Smartphones vorhanden sein. Sollte das der Fall sein, wäre zu fragen, ob die Software hierzulande auch eingesetzt wird. Deutsche Mobilfunkanbieter bestreiten das vehement.

Sowohl Vodafone Deutschland als auch die Deutsche Telekom versicherten dem IT-Portal Golem.de, dass Carrier IQ nicht eingesetzt werde. Beide Unternehmen erklärten außerdem, auch keine andere Software zum Auffinden von Netzstörungen oder zum Aufzeichnen des Nutzungsverhaltens einzusetzen. Nokia sagte, die Software sei in auf deutschen Nokia-Telefonen nicht installiert.

Auch ein Expertenteam des IT-Mobilfunkspezialisten Karsten Nohl konnte in einer kleinen Stichprobe verschiedener Smartphones keine Version von Carrier IQ entdecken. Der kanadische Hersteller RIM (Blackberry) stellt auf Anfrage des Handelsblatts klar: „Wir haben von den Gerüchten gehört, dass Carrier IQ auf verschiedenen Endgeräten ohne Wissen oder Zustimmung der Nutzer installiert sein soll. RIM installiert die Software nicht ab Werk und hat keinen Mobilfunkhersteller autorisiert, die App vor dem Verkauf zu installieren. Wir sind weder in die Entwicklung noch den Vertrieb oder den Test der Software involviert und werden der Sache weiter nachgehen.“

In IT-Sicherheitskreisen hieß es am Donnerstag, bislang lägen keine Informationen zum Einsatz bei deutschen Mobilfunkprovidern vor. Endgültige Klärung kann allerdings erst eine technische Analyse des Kommunikationsverhaltens deutscher Smartphones bringen.

HTC Deutschland erklärte auf Anfrage des Handelsblatts, dass Geräte in Europa nicht mit Carrier IQ ausgerüstet sind. In den USA hingegen forderten einige Mobilfunkanbieter den Einsatz der Software. “HTC”, so eine Sprecherin, “ist aber kein Kunde oder Partner von Carrier IQ und erhält Daten weder von der Anwendung und Carrier IQ noch von irgendwelchen Mobilfunkanbietern, die mit Carrier IQ zusammenarbeiten.” Die Software der US-Mobilfunkanbieter sei derzeit nicht zu deaktivieren. HTC suche derzeit nach einer Möglichkeit, um den Kunden die Wahl zu geben, die Software abzuschalten.

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