Die Zukunft der Mobilfunktechnik
Das ganz große Missverständnis

Die Atmosphäre gleicht der einer Intensivstation. Die Menschen tragen weiße Kittel, manche arbeiten mit Handschuhen und Pinzetten. Dazu blinken und piepen unzählige Maschinen wie Herz-Frequenz-Messgeräte im immer gleichen Takt. Hier, am Stadtrand von Flensburg, auf einem campusähnlichen Gelände mit großem Teich, firmeneigenem Kindergarten und Fitness-Center hat die neue Mobilfunk-Ära begonnen. Hier fertigt Motorola, der weltweit zweitgrößte Handy-Hersteller, in vier Schichten rund um die Uhr mit mehr als 1 000 Mitarbeitern die Geräte für die neue Mobilfunktechnik UMTS.

DÜSSELDORF. Darunter ist auch das A920, Motorolas neues Modell, 700 bis 800 Einzelteile High-Tech. Das Mobiltelefon sieht aus wie ein Taschencomputer, es kann als Handy, Video- und Fotokamera genutzt werden, als MP3-Player, Organizer und Spielekonsole. Jürgen Plähn wiegt das chromglänzende Lifestyle-Objekt in seinen Händen. „Halten Sie es mal“, sagt er, „das fühlt sich doch klasse an – und funktioniert auch so.“

Plähn, ein groß gewachsener Mann mit schon lichtem dunklem Haar, leitet für Motorola Deutschland das Projekt UMTS-Einführung. Er sagt: „Wann es mit UMTS hier endlich losgeht, das entscheiden allein die Provider“ – die großen Mobilfunkfirmen also, wie T-Mobile und Vodafone.

Was nichts anderes heißt, als dass sich der Start weiter verzögert. Torsten Gerpott, Professor für Telekommunikationswirtschaft an der Universität Duisburg, nennt einen der Hauptgründe: „Die Netzbetreiber verdienen noch gutes Geld mit der GPRS-Technik und befürchten durch UMTS Kannibalisierungseffekte.“

Auch in diesem Jahr wird in Deutschland kein Euro mit der neuen Technik verdient, werden die Firmen nicht einen Cent ihrer gewaltigen Investitionen einspielen. Nachdem die Mobilfunkkonzerne den UMTS-Start mehrfach verschoben haben, trauen sie sich nicht mehr, einen neuen Termin zu nennen. Erst auf der nächsten Cebit im März 2004 werden wohl wieder UMTS- Fahrpläne vorgestellt. Noch immer fehlt eine genügende Auswahl an Geräten. Längst sind Unternehmen wie Mobilcom und Quam an UMTS gescheitert. Und die anderen verbuchen gerade wieder steigende operative Gewinne – und scheuen sich, diese durch weitere Investitionen in die Einführung neuer Dienste zu schmälern.

Experten glauben bereits, dass das Universal Mobile Telecommunications System (UMTS) als einer der größten Missverständnisse aller Zeiten in die Wirtschaftsgeschichte eingehen wird; dass die Konzerne, die in Westeuropa mehr als 100 Milliarden Euro für die Lizenzen ausgegeben haben, noch gewaltige Summen abschreiben müssen.

Es ist wahr geworden, wovor schon vor dreieinhalb Jahren einige gewarnt haben: UMTS hat eine ganze Branche durcheinander gewirbelt. Es ist die Geschichte ganz vieler Verlierer und einiger weniger, die noch auf Gewinn hoffen dürfen.

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