Gewerkschaft in Kanada kritisiert virtuelle Überstunden
Blackberry-Blackout

Der Blackberry hat längst die Arbeitswelt erobert. Mit seiner Hilfe haben die Chefs unumschränkte Macht auch über das Privatleben ihrer Angestellten erobert. Das meinen zumindest die Gewerkschafter in Kanada, die sich das nicht länger gefallen lassen wollen: Sie fordern eine Bezahlung für virtuelle Überstunden. Ein Vize-Minister der Regierung votiert dagegen für einen „Blackberry-Blackout“.

OTTAWA. Ed Cashman spricht gern von der „guten alten Zeit“. Damit meint der für Kanadas Hauptstadt Ottawa zuständige Vize-Präsident der Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes aber nicht die graue Vorzeit der Gewerkschaftsbewegung. „The good old days“ haben für ihn vor fünf bis sechs Jahren aufgehört zu existieren.

Bis dahin war die Arbeitszeit in den Behörden Kanadas klar definiert. Dann eroberte der Blackberry die Arbeitswelt, mit dessen Hilfe Chefs unumschränkte Macht auch über das Privatleben ihrer Angestellten eroberten. „Die Erwartung ist jetzt, dass man 24 Stunden sieben Tage die Woche verfügbar ist“, klagt Cashman.

Das wollen sich die Gewerkschafter nicht länger gefallen lassen und haben den Arbeitgebern nun den Blackberry, übrigens eine kanadische Erfindung, auf den Verhandlungstisch geknallt. Was bedeutet: Es soll nicht mehr nur über Gehaltsstrukturen, sondern auch über Überstunden durch Blackberry-Nutzung gesprochen werden. „Wer eine höhere Verfügbarkeit seiner Mitarbeiter haben will, soll dafür auch zahlen“, fordert Cashman. Er glaubt, dass die Zahl der Mails und Anrufe nach Feierabend deutlich zurückgehen wird, wenn dafür bezahlt werden muss.

„Vorsicht“, mahnt indes Christopher Higgins, Professor an der Richard Ivey School of Business an der University of Western Ontario, „eine Regelung im Tarifvertrag könnte den Einsatz des Blackberrys eher noch weiter legitimieren.“ Ähnlich beurteilt das auch Arbeitsrechtlerin Linda Duxbury. „Die Leute müssen Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnen“, sagt sie und schlägt eine simple, außertarifrechtliche Lösung vor: „Schaltet das Ding am Abend einfach ab, und sagt euren Kollegen, dass ihr erst am Morgen auf Mails reagiert.“

Zudem warnen die Wissenschaftler, dass die Vorgehensweise der Gewerkschaft dazu führen wird, dass bei Verhandlungen über den Blackberry-Gebrauch „alles auf den Tisch kommt, also auch die persönliche Nutzung in der Dienstzeit.“ Das könnte heißen: kein Surfen im Internet, keine Ergebnisse von Spielen der Eishockey-WM, kein Youtube.

Doch nicht nur die Gewerkschafter fürchten, dass die ständige Verfügbarkeit von Mitarbeitern eine Belastung sein kann. Richard Fadden, Vize-Minister für Einwanderungspolitik, schrieb an seine eigenen Mitarbeiter, doch die Balance zwischen Arbeits- und Privatleben zu bewahren, und empfahl ihnen freundlich einen „Blackberry-Blackout“ zwischen 19 Uhr und 7 Uhr sowie an Wochenenden und Feiertagen.

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