Im Gespräch: Klaus Vitt
„Wir planen langfristig“

Klaus Vitt ist seit zwei Jahren CIO der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg. Der 56-Jährige leitet eine der größten IT-Organisationen in Europa, die 160 000 Anwender betreut und knapp 1 900 Mitarbeiter zählt. Im Handelsblatt-Gespräch erläutert er, warum es nicht mehr reicht, nur in der Lehre oder am Arbeitsplatz zu lernen.

Herr Vitt, wenn Sie sich heute Schulabgänger oder Universitätsabsolventen anschauen, was fällt Ihnen auf?

Es zeigt sich, dass es zwei Gruppen gibt. Auf der einen Seite junge Leute, die neuen Technologien gegenüber sehr aufgeschlossen sind. Sie können mit ihrem PC umgehen, sind mit dem Internet vertraut und haben auch ihr Handy im Griff. Auf der anderen Seite gibt es Jugendliche, denen es sogar an Grundkenntnissen in Mathematik und Grammatik fehlt und denen jegliches Interesse an Informationstechnologie abgeht. Und das sind gar nicht einmal so wenige.

Komisch, denn viele Jugendliche verbringen doch unendlich viel Zeit mit Computerspielen.

Das heißt noch lange nicht, dass sie wissen, wie ein Computer aufgebaut ist oder aus welchen Programmiersprachen ihr Spiel besteht. Die mögen ja fingerfertig sein und die Spiele beherrschen. Die Technik, die dahinter abläuft, kennen sie zum Teil nicht.

Reicht es nicht, wenn der Nachwuchs dies in den Unternehmen lernt, in der Lehre oder nach dem Studium?

Sehen Sie: Die Anforderungen an unsere Mitarbeiter steigen ständig, denn die Innovationszyklen werden kürzer. Früher dauerte es drei, vier Jahre bis etwas Neues kam, heute sind es gerade noch zwei Jahre. Deshalb ist es wichtig, dass Berufseinsteiger schon Kenntnisse mitbringen.

Tun Schulen und Universitäten zu wenig, um IT-Wissen zu vermitteln?

Natürlich wünsche ich mir, dass die Schulen Mathematik und Informatik stärker fördern. An den Unis wäre es nicht schlecht, wenn die Studierenden mehr Bezug zur Praxis hätten. Absolventen, die sich in großen Standardsoftware-Installationen auskennen, haben am Arbeitsmarkt hervorragende Chancen. Einzelne Fachhochschulen haben das bereits erkannt und vermitteln beispielsweise SAP-Know-how. Zudem kann ich jedem Jugendlichen nur zu einem Praktikum in einem IT-Systemhaus raten.

Die Informationstechnologie wandelt sich permanent. Was heißt das für die Fortbildung Ihrer Mitarbeiter?

Lebenslanges Lernen ist schon längst kein modisches Schlagwort mehr, sondern Realität. Bei uns gibt es zwei Arten davon: Einerseits bekommen die Mitarbeiter Know-how vermittelt, das ihnen bislang fehlt. Dazu schauen wir uns das Aufgabengebiet eines jeden Einzelnen jährlich an. Darüber hinaus haben wir die Personalentwicklung, wenn jemand etwas Neues machen möchte oder eine andere Hierarchieebene anstrebt.

Die IT-Branche klagt trotz Rezession noch immer über Fachkräftemangel. Fehlen auch Ihnen die geeigneten Kandidaten?

Ja, deshalb bilden wir auch selbst viel aus. Wir haben alleine 40 Azubis pro Ausbildungsjahr, die Fachinformatiker werden. Trotzdem haben wir viele freie Stellen. Ein Grund dafür ist, dass wir Berufsanfänger zwar marktkonform bezahlen. Als Behörde sind unsere Gehälter im oberen Bereich aber nicht immer mit der freien Wirtschaft vergleichbar. Dafür bieten wir andere Vorteile.

Zum Beispiel?

Wir verfolgen eine sehr langfristige IT-Strategie. Das tun wir sehr konsequent und nehmen uns auch die nötige Zeit dafür. Große Systeme verändern Sie nicht von heute auf morgen. Wir haben uns zum Beispiel jetzt schon unsere Clientstrategie 2015 erarbeitet. Ziel ist es , unsere Personalcomputer an den Arbeitsplätzen durch Terminals, sogenannte Thin Clients, zu ersetzen. Heute ist das noch zu teuer, doch es wird günstiger, und dann steigen wir in großem Stil um. Bei 160 000 Nutzern ist das schon eine anspruchsvolle Aufgabe. In der Privatwirtschaft ist das oft anders, da wird in Quartalen gedacht.

Bekommt die BA-Informationstechnik in der Wirtschaftsflaute mehr Bewerbungen, weil in der Wirtschaft Stellen abgebaut werden?

Ja, die Zahl nimmt spürbar zu. Das ist gut für uns - und wir können den Leuten ja auch spannende Jobs bieten. Weil wir als Bundesagentur viele selbstentwickelte Anwendungen haben, müssen wir die Neueinsteiger aber erst einmal ausbilden. Das dauert mitunter drei bis fünf Jahre.

Wenn sich junge Leute heute Gedanken darüber machen, in welche Richtung sie sich in der IT entwickeln sollen, was raten Sie ihnen?

Ich sehe bei uns vor allem zwei Bereiche: die Anwendungsentwicklung und die Systemintegration. Weil es in jedem Land andere Arbeitsgesetze gibt, arbeiten wir in vielen Bereichen mit eigenen Anwendungen. Das wird auch weiterhin so sein, deshalb gibt es da viel Arbeit. Die Systemintegration ist genauso bedeutend, denn es gilt, die vielen Komponenten optimal einzusetzen.

Da sind Naturwissenschaftler eindeutig im Vorteil.

Das stimmt, doch an der Schnittstelle zwischen IT-Abteilung und den Fachabteilungen brauchen wir auch Leute, die Umgangssprache reden. Es muss also nicht unbedingt ein Informatiker sein. Wichtig ist vor allem, dass die Mitarbeiter offen sind für Neuerungen und diese als Chancen sehen - und nicht als Risiken.

Die Zahl der Arbeitslosen steigt in der Wirtschaftsflaute. Auf Sie kommt also viel Arbeit zu in nächster Zeit.

Unser System ist so ausgelegt, dass es höhere Arbeitslosenzahlen verträgt, wie wir sie ja schon hatten. Deshalb mache ich mir da keine Sorgen.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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