Interview mit Nokia Chef Jorma Ollila
"Der UMTS-Zeitplan steht"

Das Handelsblatt sprach mit Nokia-Chef Jorma Ollila über Konjunktur, die Lage der Telekommunikations-Branche, den mobilen Menschen und die Zukunft des UMTS-Standard. Das Gespräch führte Helmut Steuer:

Herr Ollila, Nokia ist der weltgrößte Handy-Hersteller. Nun haben Sie MP3-Spieler, Video-Handys und mobile Spielkonsolen präsentiert. Werden Sie ein Unterhaltungsriese?

Nein, das geht mir ein bißchen zu weit. Dennoch trifft Ihre Frage den Kern. Wir sind immer ein Unternehmen gewesen, das Produkte hergestellt hat. Wir wollen Dinge zum Anfassen produzieren, Dinge, die die Menschen als nützlich empfinden und die ihnen Freude machen und Unterhaltung bieten. Das muss man im Hinterkopf haben, wenn man gleichzeitig sagt, dass gerade auf der Mobil- funknetz-Seite jetzt Lösungen für neue Bedürfnisse entwickelt werden. Wenn Sie sich das Musik-und Video-Streaming anschauen, wird der Zugang für den Endverbraucher durch zwei Dinge ermöglicht: Sie bekommen Handys, die einfach zu bedienen sind und ihnen Spaß vermitteln sollen und außerdem wird die Infrastruktur geschaffen, um die neuen Multimedia-Dienste transportieren zu können. So gesehen ist ein neues Element hinzugekommen. Doch deshalb von einem Unterhaltungsunternehmen zu sprechen, ist weit hergeholt.

Ist mit dem Einstieg in neue Geschäftsbereiche eine kulturelle Wende bei Nokia eingetreten? Sie verhandeln heute sowohl mit Telekom-Managern wie mit jungen Spiele-Entwicklern, die aus einer ganz eigenen Szene stammen.

Wir müssen in unserer Branche immer sehr offen sein: Wir müssen mit Betreibern, mit Entwicklern und mit Content-Providern sprechen können, die Musik, Landkarten- oder Wetter- und Fussball-Informationen zur Verfügung stellen. Das heißt, unsere Gesprächspartner kommen heute aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Insofern ist es richtig, dass wir mit unterschiedlichen Kulturen zu tun haben. Und wir selbst nähern uns stärker einem Software-Unternehmen. Wir müssen das tun. Das wird nicht in einem oder zwei Jahren geschehen, doch die Annäherung, die kulturelle Veränderung ist schon vor einiger Zeit eingeleitet worden.

Wie äußert sich diese Veränderung intern bei Nokia?

Vor rund 15 Jahren arbeiteten einige hundert Software-Entwickler in unserer Forschungsabteilung, in der insgesamt 1000 bis 2000 Mitarbeiter beschäftigt waren. Heute sind von den 19 000 Mitarebeitern der Forschungsabteilung 12 000 Software-Leute. Der Kulturwandel ist also in vollem Gange und noch lang nicht abgeschlossen.

Sie werden im Herbst den Spiele-Terminal N-Gage auf den Markt bringen, einen mobilen Spielecomputer, mit dem man auch telefonieren kann?

In diesem Segment gibt es ein enormes Wachstumspotential. Mein Sohn zeigt mir das immer wieder. Ich brauche ihn nur zu beobachten, um zu verstehen, welch große Dynamik in diesem Segment steckt.

Die gesamte Telekommunikation steckt derzeit in einer tiefen Krise. Vor etwas mehr als einem halben Jahr haben Sie sich noch recht optimistisch über die Erholung geäußert. Wie sehen Sie heute die Lage?

Nach dem dritten Jahr mit einer konjunkturellen Schwäche in Folge muss es wieder aufwärts gehen. Es wird schließlich nicht ewig so bleiben. Der erste wichtige Faktor ist die Wirtschaft. Sowohl in den USA wie in Europa ist das Verbrauchervertrauen ganz schwach. Auch die Investitionsbereitschaft der Unternehmen ist so lang schwach wie sie die Situation nicht besser einschätzen können. Der zweite wichtige Faktor ist die Entwicklung der Investitionsbereitschaft der Netzbetreiber. Mittlerweile bin ich vorsichtig optimistisch, dass sich die Wirtschaft ausgehend von den USA gegen Ende des Jahres wieder erholt. Europa folgt ein wenig später.

Die angesprochene Erholung gilt auch für die Netzbetreiber?

Nein, bei den Betreibern sehe ich keine größere Investionswelle in den kommenden 18 Monaten. Ich glaube, wir werden positivere Signale von den Netzbetreibern nicht vor Ende 2004 empfangen.

Wird die anhaltende Krise bei Telekom - und Telekommunikationskonzernen zu einer Konsolidierung führen?

Ich glaube, es wird Ende kommenden Jahres genauso viele Unternehmen geben wie heute. Und ich gehe davon aus, dass es die gleichen Unternehmen sind, die auch heute im Markt sind. Allerdings wird es einige geben, die stärker sind als heute und andere, die eine schwächere Position haben werden.

Welche Unternehmen werden gestärkt aus der Krise hervorgehen?

Das wird die Zeit zeigen.

Ist nicht die gegenwärtige Krise in Ihrer Branche eine Mischung aus wirtschaftlichen Problemen gepaart mit einem enormen technischen Schritt vom jetzigen Mobilfunkstandard zum Standard der dritten Generation, UMTS?

Es sind drei Dinge: Die generelle wirtschaftliche Situation hat dazu geführt, dass die Netzbetreiber unsicher sind, wieviel der Endverbraucher für neue Dienste im Mobilfunknetz auszugeben bereit ist. Deshalb halten sie sich mit Investitionen zurück. Zweitens haben viele Betreiber ganz schwache Bilanzen präsentiert. Deshalb arbeitet deren Management zurzeit an einer Restrukturierung, in einigen Fällen sollen auch Unternehmensteile verkauft werden, um das Vertrauen bei ihren Investoren wiederherzustellen. Wir sind, wenn Sie so wollen, am Ende einer Phase, in der wir die Exzesse der späten Neunziger Jahre korrigieren müssen. Drittens herrscht bei den Betreibern eine große Unsicherheit über die künftigen Dienste, die künftigen Technologien, auf die man setzen sollte.

Aber es gibt bei der UMTS-Einführung doch offenbar auch technische Probleme?

Nun, eigentlich sollten Sie die UMTS-Einführung mit der des heutigen GSM-Standards vergleichen. Man sollte sich noch einmal bewusst machen, dass die ersten GSM-Testnetze im Sommer 1991 in Betrieb genommen wurden. Das entsprechende Datum für UMTS war vor einem Jahr. Was ist während des vergangenen Jahres alles geschehen und was passierte ein Jahr nach den ersten GSM-Testnetzen? Es wird noch deutlicher, wenn man vergleicht, was in den kommenden 12 Monaten bei UMTS passieren wird und was im zweiten GSM-Jahr geschah. Wir liegen sehr gut im Plan. Und vergessen Sie nicht, es ist eine kompliziertere Technik, eine sehr viel kompliziertere, ja vielleicht sogar manchmal eine zu komplizierte Technik. Will man etwas kritisieren, kann man sagen, dass in den UMTS-Standard vielleicht sogar zu viel hineingelegt worden ist.

Und wie lange dauert es noch bis zum Durchbruch des neuen Standards?

In 12 bis 24 Monaten werden sehr viele Leute sagen: Das ist ja phantastisch. Und vergleichen Sie das einmal mit der Einführung von GSM. Sie hat viele Jahre gedauert.

Aber haben die Telekommunikations- und Telekomkonzerne nicht vor einigen Jahren die Erwatungen sehr geschürt und einen engen Zeitrahmen vorgegeben?

Ja, wir alle haben Fehler gemacht, die Netzbetreiber, die Ausrüster und auch die Medien. Wir waren vor drei Jahren sehr optimistisch, doch mittlerweile ist Realismus eingekehrt und wir liefern die ersten Produkte aus.

Die ersten UMTS-Handys, die diesen Monat von Nokia ausgeliefert werden, erinnern an frühe, recht große GSM-Geräte.

Ja, das wird immer so sein. Man kann nicht mit den kleinsten Geräten beginnen. Sie werden kommen, aber das braucht Zeit. Im nächsten Jahr werden die Massenprodukte kommen, und sie werden kleiner sein.

Nokia ist auf dem Weg, das selbstaufgestellte Ziel von einem Handy-Weltmartanteil von 40 % zu erreichen.....

....ich finde, das war ein richtig gutes Ziel, dass wir im Frühjahr 2001 aufgestellt haben! Es ist nämlich nicht so einfach zu erreichen, sodass diese Marke auch intern eine richtige Herausforderung darstellt. Gleichzeitig schauen alle Outsider skeptisch auf uns und fragen sich, ob wir das Ziel erreichen können. Wir werden es schaffen, und alle Journalisten und Outsider dürfen raten, bis wann. Ich habe meine eigenen Vorstellungen, aber wir sagen das nicht öffentlich. Es sieht aber gut aus.

...glauben Sie nicht, dass Ihre dominante Position zu einer Art Microsoft-Effekt führen kann: Dass Netzbetreiber sich gegen ihre Vormachtstellung auflehnen?

Ich finde nicht, dass ein Weltmarktanteil von jetzt 38 % eine Gefahr für irgendjemanden darstellt. Wir verfolgen konsequent unsere Open Standard-Philosophie. Damit unterscheiden wir uns markant von der IT-Branche, die der in der Tat von einigen Playern völlig dominiert wird.

Was sagen Sie einem wichtigen Netzbetreiber und Großkunden von Nokia, wenn er mehr Einfluss, ja vielleicht sogar seinen eigenen Markennamen auf dem Nokia-Handy sehen will?

Wir sind in dieser Frage schon immer sehr flexibel gewesen. Mit vielen Betreibern haben wir schon lange das 'Dual Branding' vereinbart. Wir haben das noch nie abgelehnt und werden es auch nicht tun solang wir keine Kompromisse bei unserem Design und der Handhabung machen müssen.

Haben Sie Angst vor den asiatischen Handy-Herstellern?

Wir freuen uns über alle Mitbewerber! Viele haben es schon versucht, aber es ist keine einfache Branche. Und: Mit Ausnahme von Samsung haben die übrigen asiatischen Hersteller keine Marktanteile gewonnen.

Wie sieht Ihre Branche in zehn Jahren aus?

In den vergangenen zehn Jahren ist die Sprachkommonikation über das Handy explodiert. Zwei meiner drei Kinder sind von zuhause ausgezogen und haben nur noch ein Handy. Ihr Festnetzabonnement ist einzig und allein für den Internetanschluss. In den kommenden zehn Jahren wird auch der Datenverkehr mobil werden. Die Menschen werden ihr Leben mobil managen und auch einen größeren Teil ihres Einkommens als bisher für die neuen Möglichkeiten ausgeben.

Wird Nokia in zehn Jahren weiterhin mehr Geld mit Handys als mit Netzen verdienen?

Nokia wird mit beiden Bereichen Geld verdienen und außerdem Software-Lösungen entwickeln, mit denen wir Geld verdienen. Aber der heutige Anteil unserer Netz-Sparte am Gesamtumsatz (ca. 20 %, Anm. d. Red.) wird in den kommenden Jahren nicht dramatisch steigen.

Eine Frage noch ... Haben Sie schon oft mit dem N-Gage-Spiele-Terminal gespielt?

Meine Leute haben mir immer noch kein Gerät gegeben. Vermutlich gehöre ich nicht mehr zur Zielgruppe!

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