Multifunktionalität bringt Mehrwert für den Telematikmarkt
Mit moderner Technik am Stau vorbei

Automobilindustrie, Diensteanbieter und Metropolen setzen gemeinsam auf leistungsfähige Telematiktechnologien. Maßgeschneiderte Mobilitätsdienste sollen diese noch lukrativer machen. Gefragt sind vor allem zeitnahe Informationen, die den aktuellen Verkehrszustand widerspiegeln.
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HB. Verstopfte Autobahnen – auf den Zufahrtswegen in die Ballungszentren und Großstädte geht nichts mehr. Die Stauwarnung aus dem Radio erreicht einen meist erst dann, wenn man schon in der Schlange steht, und empfohlene Ausweichrouten führen oft umständlich zum Ziel.

Rund 80 % der Personenverkehrsleistungen und 70 % der Güterverkehrsleistung werden heutzutage auf der Straße abgewickelt. Diese werden bis 2015 noch um weitere 16 % beziehungsweise 59 % zunehmen, hat der ADAC errechnet. Kein Wunder, dass im verkehrsdichten Europa der Markt für Navigationsgeräte boomt: von 240 000 Geräten 1998 auf über eine Million im vorigen Jahr. Für 2005 rechnen die Hersteller mit bis zu fünf Millionen Geräten. Auch der Weltmarkt für Navigations- und Informationssysteme werde weiter expandieren, zeigt man sich bei der Siemens VDO Automotive AG in Schwalbach überzeugt: „Wir gehen davon aus, dass das Volumen von heute 3,4 Milliarden Euro auf 5,3 Milliarden im Jahr 2006 steigt“, sagt Firmensprecher Johannes Winterhagen.

Noch rosiger sieht die internationale Unternehmensberatung Cap Gemini Ernst & Young die Zukunft. Sie spricht von „einem massiven Wachstum des Telematik-Weltmarktes“ und geht im Jahr 2005 von einem Gesamtvolumen von 27 Milliarden US-Dollar aus. Zweistellige Wachstumsraten scheinen somit vorprogrammiert.

Wer heute zügig und komfortabel an sein Ziel gelangen will, dem genügen einfache GPS-Navigationssysteme, die nur auf einer CD-ROM-Straßenkarte basieren, kaum mehr. Ihnen fehlen vor allem zeitnahe Informationen, die jederzeit den aktuellen Verkehrszustand widerspiegeln.

Das können vor allem so genannte Floating-Car-Data-Systeme leisten. Eine neue Technologie, die die Automobilindustrie derzeit in alle höherwertigen Fahrzeugtypen serienmäßig integriert. Der Unterschied zu passiven Systemen, bei denen fest installierte Sensoren an den Autobahnen Informationen über die momentane Verkehrsdichte liefern: Das Auto ist nicht nur Empfänger, es wird selbst zum mobilen Informationssender. Wie ein im Strom schwimmender Korken nimmt es Informationen über Reisegeschwindigkeit und Verkehrsdichte auf und leitet sie an eine zentrale Meldestelle weiter.

Die Technik erfordert wie bisher schon einen GPS-Empfänger im Telematikendgerät, der Fahrzeugposition, Ort und Ziel ermittelt. Hinzu kommt eine Software, die mit der Fahrzeugelektronik verbunden ist und die Geschwindigkeit des Autos ermittelt. Über die GSM-Telekommunikationseinheit (Global System for Mobile Communication) oder via GPRS (General Packet Radio Service) werden Positions- und Geschwindigkeitsdaten in anonymisierter Form an die Meldezentrale gesendet. Diese verdichtet die eintreffenden Rohdaten zu aussagefähigen Verkehrsinformationen, die dann zur automatischen Abfrage bereitstehen. Ein dynamischer Vorgang, der ständige Aktualität garantiert: Wo genau ist der Stau, wie lang ist er, wie verändert sich die Staulänge. Daraus berechnet das System die aktuelle Reisedauer und bietet alternative Ausweichrouten an.

Um aus den eintreffenden Daten statistisch aussagekräftige Verkehrsnachrichten generieren zu können, müssen allerdings zwischen einem und fünf Prozent aller Fahrzeuge im Verkehr mit der Floating-Car-Data-Technik ausgerüstet sein, hat die Automobilindustrie errechnet und zeigt sich diesbezüglich optimistisch. Die BMW AG bietet für Fahrzeuge, die mit High-Navigationssystem und Autotelefon ausgerüstet sind, den Telematikdienst Assist an. Nach Angaben des Automobilherstellers haben bereits über 18 000 BMW-Kunden in Deutschland den Dienst in ihr Fahrzeug aufgenommen. Auch an der Verknüpfung von Daten anderer Automobilhersteller und Systemanbieter arbeite man bereits, heißt es in München.

Freilich hängt der wirtschaftliche Erfolg der neuen Technologie von der Verbreitung und damit von dem effektiven Nutzen für den Autofahrer ab. Je höher der Mehrwert für den Kunden, desto größer die Attraktivität des Systems. Deshalb sind so gut wie alle hochwertigen Telematiksysteme mit wichtigen Zusatzfunktionen, wie dem automatischen Notruf, ausgerüstet. Dieser ermöglicht bei einem schweren Unfall die Fahrzeugortung und verständigt selbsttätig den nächst gelegenen Rettungsdienst. Services wie Auskunftsdienste rund um die Uhr, der Abruf aktueller Informationen rund um kulturelle Ereignisse, die Möglichkeit der Vorbestellung bei Hotels und Restaurants, die elektronische Parkplatzreservierung oder die Direktbuchung von Bahn- und Flugtickets sind lukrative Angebote, mit denen Autoindustrie und Diensteanbieter die Welt im Auto immer stärker vernetzen wollen.

Auch die Metropolen haben erkannt, dass sie den steigenden Ansprüchen mobiler Menschen gerecht werden müssen und locken mit neuen privaten Mobilitätsdiensten, die sich an den persönlichen Präferenzen des Nutzers orientieren, in die City. Großstädte wie Köln (Stadtinfo), Frankfurt/Main (Wayflow) oder München (Mobinet) erproben in Zusammenarbeit mit der Automobilindustrie, darunter BMW, Daimler-Chrysler und Ford, maßgeschneiderte Informationsangebote für alle Verkehrsteilnehmer.

Informationen, die über Rundfunk, Internet und Mobiltelefon abrufbar sind und auch die Floating-Car-Data-Technik miteinbeziehen, geben stets aktuelle Übersichten zu Tagesbaustellen, Unfällen und Staus im Stadtgebiet. Zugleich bieten die Informationssysteme auch die Möglichkeit, sich zum elektronisch vorbestellten Stellplatz im Parkhaus navigieren zu lassen. In einem nächsten Schritt soll bald auch die bequeme, elektronische Abbuchung von Parkgebühr, Reiseticket oder Eintrittskarte vom Auto aus möglich sein.

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