Neid oder Nüchternheit?
Chinas Antwort auf Nokia

Show Time im Sheraton Hotel „Große Mauer“ in Peking. Auf der Bühne, eingerahmt von meterhohen Handys auf tiefblauen Werbeplakaten, spielt ein in Seide gekleidetes Mädchen mit langen Zöpfen klassische Melodien auf ihrer Geige. Mozart und Mobilfunk. Plötzlich bricht das Geigenspiel ab, das Gesicht des Mädchens gefriert. Ein Fehler? Nein, ein Werbegag des neuen Marktführers für Handys in China. Denn die Melodie ist schnell wieder da, überspielt von einem Handy im Nebenraum als MMS.

Die hübsche Geigerin lächelt entrückt, die Zuschauer klatschen, die Manager von Bird strahlen. Die Firma ist vor elf Jahren gegründet worden, Handys stellt Bird jedoch erst seit 1999 her. Eine Verkaufsarmada von 5 000 Leuten und eine der aggressivsten Werbekampagnen in China haben die Umsatzzahlen seither in die Höhe gepeitscht. Schon 2002 verkaufte Bird in China sieben Millionen Geräte. Dieses Jahr sollen es 15 Millionen sein. Bird, das ist Chinas Nokia, wenn auch noch in den Kinderschuhen. Ein Emporkömmling auf dem am schnellsten wachsenden Mobilfunkmarkt der Welt.

Lange Zeit haben westliche Konzerne China als ihre Spielwiese gesehen. Hier produzieren sie einen Großteil ihrer Geräte, hier wollen sie sie auch verkaufen – auf einem Markt, der mit 200 Millionen Nutzern als der größte der Welt gilt. Doch glaubt man den Zahlen des Ministeriums für Informationstechnologie, dann haben die etablierten Handykonzerne derzeit in China eher das Nachsehen. Im ersten Halbjahr 2003 hat Bird, das Unternehmen aus der Küstenprovinz Zhejiang, Motorola die Führung abgenommen. Der Umsatz des Neulings wuchs im ersten Quartal um 224 Prozent. Die Chinesen kauften im ersten Halbjahr erstmals mehr Handys von lokalen Produzenten als von ausländischen Markenherstellern.

„Wäre ich Nokia oder Motorola, ich würde mir ziemliche Sorgen machen“, sagt Howard Curtis, Vizepräsident des Marktforschers Portelligent. Schließlich verkauft Motorola jedes vierte seiner Handys in China. Siemens, im Vorjahr mit zehn Prozent noch drittgrößter Anbieter, sah seinen Marktanteil binnen zehn Monaten auf die Hälfte schrumpfen.

Und die Offensive der Chinesen rollt erst an: „Wir bringen jedes Jahr 30 neue Modelle heraus“, flüstert der Vizepräsident von Bird, Dai Maoyu, während des Konzerts im Pekinger Top-Hotel. Denn Bird entstehen, wie den meisten chinesischen Herstellern, kaum Forschungskosten. Man kauft das Innenleben fast komplett von westlichen Konkurrenten. Daher kommen neue chinesische Handys in sechs Monaten auf den Markt, doppelt so schnell wie bei der Westkonkurrenz.

„Die meisten von denen waren vor zwei Jahren noch gar nicht da“, staunt Will Strauss, Chef der Marktforschungsfirma Forward Concepts, über die immer neuen chinesischen Hersteller. Schattenseite des Erfolgs: Die heimischen Hersteller produzieren inzwischen bereits mehr, als die Chinesen kaufen können, mehr als 20 Millionen Handys stauben in Lagerhallen vor sich hin. „Innerhalb Jahresfrist könnte die Hälfte der lokalen Hersteller aus dem Markt ausscheiden“, sagt Peter Borger, der Chef von Siemens Shanghai Mobile Communications.

Bird hat reagiert. Um dem Preisverfall zu entgehen, weicht man auf höherwertige Geräte und immer neue Modelle aus. Das hat auch den Vorteil, dass sich die Margen verbessern. „Es ist kein Problem für uns, im zweiten Halbjahr 90 Prozent Gewinnwachstum zu erzielen“, sagt Vizepräsident Dai. Das hieße, Bird würde den Nettogewinn 2003 auf rund 40 Millionen Euro verdoppeln.

Mit Großspurigkeit hat das wenig zu tun. Bird hat im Vorjahr eine neue Fabrik für 20 Millionen Geräte fertig gestellt. Dai sagt dem Unternehmen in China einen Marktanteil von 30 Prozent voraus. Nicht wenige rechnen damit, denn die Regierung in Peking will den Marktanteil lokaler Hersteller von jetzt 50 auf 85 Prozent ausbauen. Noch zweifelt die westliche Konkurrenz daran, dass dereinst auch aus China ein weltweit führendes Handy-Unternehmen kommt. „Die Angaben sind mit großer Vorsicht zu genießen“, sagt ein Top-Manager bei Nokia in Peking. Denn es handele sich um Produktionszahlen, die nichts über den Verkauf im Einzelhandel sagten.

Neid oder Nüchternheit? Das dürfte langfristig fast egal sein. Denn Chinas Handy-Aufsteiger haben dem „borrowism“, der Abhängigkeit vom technischen Input der westlichen Konzerne, den Kampf angesagt. „China gehört nun auch zu den schöpferischen Ländern“, posaunt im Sheraton „Große Mauer“, der kernige, kleingewachsene Bird-Vizepräsident Dai. Dabei zeigt er auf eines der großen blauen Plakate. Es zeigt das neue „DOEASY E868“, einen Handy-Homunkulus aus PC, PDA und Telefon.

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