Palm Pre
Zu viel Sex für ein Produkt

Ausgerechnet Palm bringt mit dem "Pre" erstmals ernsthafte Konkurrenz für das iPhone auf den Markt. Das Gerät überzeugt nicht nur durch sein mutiges Designkonzept, sondern auch durch Technik. Der ehemalige Marktführer in der Managerklasse schickt sein neuestes Werk aber zu früh ins Rennen.
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Vor zwölf Jahren kam der stiftgesteuerte Palm auf den Markt - und wurde im Handumdrehen zum Statussymbol erfolgreicher Manager; ein kommerzieller Riesenerfolg und eine Ikone der New Economy. Vor lauter Freude überlegte Palm zu lange, ob man den stummen PDA in ein Mobiltelefon verwandeln sollte. 2004, als es soweit war, hatte Konkurrent RIM zwei Millionen Blackberrys verkauft und die Gunst der Manager erobert. Lange währte die Freude der Kanadier nicht: 2008 übernahm Apples iPhone Markt- und Imageführerschaft.

Fest steht: Es wird ein Leben nach dem iPhone geben. Ausgerechnet Palm greift den Giganten Apple an: Auf der Consumer Electronics Show wurde der Palm Pre zum besten Mobiltelefon gewählt, nun bringt O2 ihn nach Deutschland - für 404,20 Euro ohne Vertrag. Der Schritt ist mutig, denn wer an Geschäftshandys denkt, wird dem Pre skeptisch gegenüberstehen: ihm fehlen Form und Format für die Businessliga.

Vielmehr versucht der Pre, die Managerklasse neu zu definieren: eher weiblich als männlich (es gibt sogar einen Spiegel auf der Rückseite), eher bescheiden als stolz (er ist klein, weich und rundlich), eher unterhaltsam als seriös (eine offene, spielerische Benutzeroberfläche). Ob die Businessklientel den Wertewandel annimmt, bleibt Spekulation.

Nicht rätseln muss man über die Feinheit, mit der Palms CEO Jon Rubinstein (früher Apple) das Designkonzept verfeinerte. "Form follows function" hat ausgedient: Um eine Produktbeziehung zu schaffen, wühlt man tief in der Psyche der Nutzer. Über eine geschlechtsspezifische Formgebung hinaus entdeckt das Design - um es mit dem Philosophen Roland Barthes zu sagen - den G-Punkt des Gegenstands. Typisch sowohl für den Ur-Palm als auch den Blackberry war der phallische Stift, mit dem man auf dem Bildschirm geheimnisvolle Zeichen kritzeln konnte. Damit ist es nicht getan. Der Nutzer muss mindestens eine unwiderstehliche Schwäche erkennen, eine Achillesferse, in die er sich verlieben kann.

Das schaffte bisher nur das iPhone: mit der Kombination eines G-Punkts im Form eines zu streichelnden Bildschirms und einer Achillesferse in Form einer fragil wirkenden, glänzenden Oberfläche, die geschützt werden will - durch Hüllen in allen Farben und aus verschiedenen Materialien. Der Pre weist nicht nur einen, sondern gleich mehrere G-Punkte auf: der metallische, um LED-Lämpchen ergänzte Trackball, dazu ein Touchscreen und eine versteckte Tastatur - fast zu viel Sex für ein Produkt.

Als Achillesferse glaubt man den wackeligen und unschön scharfkantigen Schiebe-Mechanismus zu erkennen. Doch dann wird klar, dass ausgerechnet die ungewöhnlichen Attribute - klein, weich, weiblich - aus Palms Pre ein Baby machen, das mit Liebe versorgt werden will. Ein epochales, mutiges Designkonzept. Das Baby kommt nur zum ungünstigen Zeitpunkt auf den Markt: zu spät, um von Palms Tradition zu profitieren; zu früh, um das iPhone mit einem Schlag zu ersetzen.

Paolo Tumminelli ist Designprofessor an der FH Köln und Gründer von goodbrands (tumminelli@goodbrands.de)

Kommentare zu " Palm Pre: Zu viel Sex für ein Produkt"

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  • Wie wäre es, wenn Sie sich informieren, bevor Sie so einen ach so fundierten Artikel verfassen? Der Palm Pre kostet bei O2 seit seiner Einführung vor einem Monat unverändert 481,00 EUR ohne Vertrag. Das kann jeder durch einen Klick auf die Webseite des Anbieters in Erfahrung bringen.

  • Schauen Sie sich dei Geräte, die sie versuche zu beschreiben auch mal an? Wo bitte soll der Palm Pre denn einen Trackball haben? Meinen Sie die leicht erhöhte Taste unter dem Display? Das ist eine Taste...

    Kopfschüttelnd,
    rainer*

  • ... Typisch sowohl für den Ur-Palm als auch den blackberry war der phallische Stift, mit dem man auf dem bildschirm geheimnisvolle Zeichen kritzeln konnte. ...

    blackberry? Stift? Auf den bildschirm kritzeln? Haben Sie sich die Geräte eigentlich auch mal angeschaut?

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