Postinetts Teststrecke
Wyplayer - ein kleines gallisches Dorf

Alle Digitalmusik wird von Apple abgespielt. Alle? Nein, wie ein kleines gallisches Dorf wehrt sich eine französische Elektronikfirma gegen die Besetzung des ganzen Landes durch Apple TV, Microsoft Xbox & Co. Kann Frankreichs Wyplayer das Imperium noch aufhalten?
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Der Wyplayer kommt mit einem massiven, schwarzen und durchaus wertigen Gehäuse daher, im Normalbetrieb ist das Gerät sehr leise, erst bei hoher Belastung - etwa bei Videos in High Definition - wird der Lüfter brummelig. Das Anschlussfeld ist vollständig bis hin zum HDMI-Konnektor.

Das Highlight ist der eingebaute Dual-DVB-T-Tuner. Während ein TV-Programm geschaut wird, wird ein zweites aufgenommen. Genau so muss es sein. Die Timer-Programmierung ist nicht auf den ersten Blick eingängig, aber nach kurzer Eingewöhnung geht es gut von der Hand.

Kein Vergleich mehr zu früheren VHS-Rekordern, die ohne Recording-Diplom einer anerkannten Ingenieur-Hochschule nicht bedienbar waren. Die Festplatte fasst 500 GB, ein DVD-Brenner für Sicherheitskopien fehlt. Die Bildqualität auf einem aktuellen Sharp-LVD-TV war nicht zu beanstanden, die Umschaltzeiten angenehm kurz. Videos kamen hochauflösend auf den Schirm. Die Benutzeroberfläche des Linux-Systems reagiert ausreichend schnell.

Navigiert wird mit einem Multifunktions-Dreh-Drückrad. Daneben gibt es Tasten für Hauptmenü, kontextsensitive Menüs, Markieren, Aktionen , mit denen 90 Prozent der Funktionen beherrschbar sind. Nicht schlecht. Das ist der richtige Ansatz, um das Tastenchaos auf den Zapping-Zeptern der Couch-Potatos zu beenden.

Leider trüben unschöne Kleinigkeiten das Gesamtbild recht schnell. Eine Diashow ist nur ohne Musikuntermalung, Musik nur ohne Diashow möglich. Wird bei laufender Musik in ein anderes Hauptmenü gewechselt, stoppt der Player. Das war vor zwei Jahren schon out, die Franzosen sollten sich vielleicht mal ein Apple-TV in ihr Entwicklungsstudio stellen oder eine Xbox360 von Microsoft.

Manche Fehler kamen wirklich überraschend. Um Dateien auf die Festplatte zu kopieren, werden sie auf dem Stick markiert, dann im Menü der Unterpunkt "Dateien duplizieren" ausgewählt. Und genau das passiert auch: Die Daten werden auf dem USB-Stick verdoppelt, nicht auf die Platte geschaufelt.

Der Windows-PC fand dank UPnP ("Universal Plug&Play") sofort Anschluss und die Medienbibliothek des Windows Mediaplayer 11 erschien auf dem Fernsehschirm.

Praktisch inhaltsfrei war das hauseigene Internetangebot des Wyplayer. Der Hersteller pflegt große Teile des Inhalteportals mit Web-Radio, Video, Youtube oder RSS-Angeboten selber. Das Ergebnis war enttäuschend. Eine Webseite erlaubt das Hochladen eigener Bilder oder Musik ins Web. Die Webseite www.wyplayer.com ist nur zum geringen Teil in Deutsch verfügbar. Das Handbuch gar nicht.

Fazit: Für 400 Euro kann man heute mehr erwarten. Der Wyplayer (mit 500-GB-Platte) muss sich da etwa mit einem Apple-TV mit 160-GB-Festplatte und riesigem Serien- und Filmangebot für 399 Euro (aber ohne TV-Tuner) messen lassen. Und da besticht halt doch das kalifornische Gesamtpaket. Wyplayer muss jetzt seine Hausaufgaben machen und zuerst schleunigst die Schwächen der Software beseitigen. Kommt dann noch ein konkurrenzfähiges Internetangebot dazu, dann reden wir noch mal drüber. Mit der Hardware lässt sich mehr machen.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent

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