Rede von Miriam Meckel
„Wer sich Inhalte nichts mehr kosten lässt, verarmt geistig“

„Beim E-Book geht es weniger um die Frage, wie Texte in das Buch hineinkommen, sondern viel mehr darum, wie sie über die elektronische Plattform E-Book verkauft werden können“, sagt Miriam Meckel. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Rede der Kommunikationswissenschaftlerin anlässlich der Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises 2009 in Frankfurt.
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FRANKFURT. Vom E-Book ist auf der Frankfurter Buchmesse viel die Rede. Dabei geht es weniger um die Frage, wie Texte in das Buch hineinkommen, als darum, wie sie über die elektronische Plattform E-Book verkauft werden können, wie die zugrunde liegenden Geschäftsmodelle aussehen, ob die Leserinnen und Leser eigentlich diese Form des Lesens annehmen werden und was all das für unsere Lesekultur bedeutet.

Wie bei allen technischen Neuerungen haben wir es auch beim E-Book wieder mit dem Problem der Interoperabilität zu tun, also mit dem Variationsreichtum technischer Plattformen. Wenn ich mich heute entscheide, ein E-Book zu kaufen, muss ich mir sehr genau überlegen, welche Bücher ich eigentlich darauf lesen möchte, denn nicht alles gibt es auf jeder Plattform. Wir haben unterschiedliche Anbieter mit unterschiedlicher Software und natürlich unterschiedlichen Produkten, die für diese Software tauglich und anwendungsfähig sind. Kurzum: Es wird wieder alles ziemlich kompliziert, und die eigentlich einfache Plattformstrategie, die das Internet uns anbietet, wird bei diesem Medium erst einmal lieber nicht genutzt. Das ist nicht neu. Wir kennen das vom Videoplayer, von den verschiedenen Discformaten und vielem mehr. Dieses Problem der technischen Interoperabilität ist altbekannt – was die Märkte und Anbieter nicht davon abhält, es erst einmal gründlich auszukosten, um die Verbreitung zu einem nicht allzu dynamischen Prozess werden zu lassen. (...)



Wir haben es in diesem Prozess der gesellschaftlichen Transformation durch Technologie und Medienwandel mit sehr verschiedenen Problemen der Interoperabilität zu tun. Der Medienwandel ist nur eines der Probleme, die den Übergang vom klassischen Buch auf das E-Book betreffen. Alle diejenigen, die mit Medien zu tun haben, Verleger, Journalistinnen und Journalisten, Musikproduzenten und viele andere, sind von diesem Prozess betroffen. Interoperabilität heißt in diesem Zusammenhang: Etwas funktioniert zusammen. Und das ist eben genau unter ökonomischen Gesichtspunkten in unseren Medienmärkten derzeit nicht der Fall. Die Geschäftsmodelle der traditionellen Medien und die Wertschöpfungsketten im Internet passen noch nicht recht zusammen. Das, was online entsteht, kann das, was offline wegbricht, nicht kompensieren. Insoweit haben wir hier also ein ökonomisches Interoperabilitätsproblem, für das es bislang keine Generallösung gibt. Es wird aber eine geben müssen. (...)

Wenn über diese Finanzkrise nun viele Bücher geschrieben werden, dann trägt das wesentlich dazu bei, dass sie uns im Gedächtnis bleibt und dass vielleicht manche Fehleinschätzungen oder auch fehlende Einschätzung von Problemen an den Kapitalmärkten in Zukunft anders aussehen können. (...)

Um die soziale Interoperabilität zu gewährleisten, brauchen wir die technische Interoperabilität. Das bedeutet, wir brauchen Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsmöglichkeiten, die auch im Internet Inhalte wertvoll bleiben lassen. Eine Gesellschaft, die sich Inhalte nichts mehr kosten lässt, darf sich nicht wundern, wenn sie geistig verarmt. Wer mit Ideen und Inhalten kein Geld mehr verdienen kann, muss anderes tun. Wenn wir so weitermachen wollen, bewegen wir uns in eine Gesellschaft, die sich hauptberufliche Kreativität und Produktivität von Musikern, Regisseuren, Schriftstellern, Journalisten und vielen anderen Gruppen nicht mehr leisten kann. Diese Kreativität brauchen wir aber, um uns verstehen und verständigen zu können.

Auszüge aus der Rede, die die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel vergangene Woche bei der Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises 2009 in Frankfurt gehalten hat.

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