Schnappschüsse als Massenphänomen
Foto-Handys verändern unser Leben

Waren Mobiltelefone mit Fotofunktionen zunächst nur eine Spielerei, so entwickeln sie sich nun zum Massenphänomen. Etliche Kamera-Handys machen selbst ausgewachsenen Digitalkameras Konkurrenz. Die Evolution der Geräte hat dabei – parallel zur gesellschaftlichen Veränderung – gerade erst begonnen.

HB SANTA CRUZ. Ob es der unheimliche Klang der Schüsse beim Amoklauf in der Universität Virginia Tech oder die hasserfüllten Bemerkungen bei der Hinrichtungen des früheren irakischen Machthabers Saddam Hussein sind, alle diese Videos wurden mit Kamera-Handys gemacht. Sie wurden von Millionen Menschen gesehen und sie zeigen die Macht, die nun fast jeder Mensch in Händen halten kann.

Auch der Mann, der 1997 das erste Foto-Handy erfand, ist beeindruckt von der kulturellen Revolution, zu der er mit beigetragen hat. „Es ist einfach so praktisch“, sagt Philippe Kahn, der auch Gründer der Softwarefirma Borland war, einem der frühen Konkurrenten von Microsoft. „Man hat immer die Möglichkeit, etwas festzuhalten und es mit anderen zu teilen“, sagt Kahn. „Man geht in ein Restaurant, da wird ein Geburtstag gefeiert und plötzlich holt jeder sein Kamera-Handy heraus. Es ist überwältigend.“

Wenn Kahn sich in solchen Momenten etwas stolz fühlt, dann hat das seinen Grund. Er bastelte das erste Foto-Handy zusammen, während seine Frau mit der ersten Tochter in den Wehen lag. „Wir bekamen unser erstes Kind und ich wollte die Bilder mit Freunden und der Familie teilen“, sagt Kahn. „Und es gab einfach keinen einfachen Weg.“

Während er auf der Entbindungsstation wartete, schrieb er ein kleines Programm an seinem Laptop und schickte jemanden los, ein paar Teile aus dem nächsten Elektronikladen zu holen, damit er seine Digitalkamera mit dem Mobiltelefon verbinden konnte. Als Sophie dann geboren wurde, schickte er die Bilder an Freunde auf der ganzen Welt.

Zehn Jahre später besitzen 41 Prozent der Haushalte in den USA ein Foto-Handy, und „Mobiltelefone ohne Kamera werden schon fast gar nicht mehr angeboten“, erklärt der Analyst Michael Cai von Parks Associates. Das Marktforschungsunternehmen Gartner erwartet, dass in diesem Jahr weltweit rund 589 Million Mobiltelefone mit Kamera verkauft werden, 2010 sollen es mehr als eine Milliarde werden. Nimmt man dann noch den wachsenden Einfluss des Internets und von Online-Plattformen wie Youtube hinzu, dann wird klar, dass der Einfluss dieser Geräte nur noch weiter steigen wird. Im Positiven wie im Negativen.

„Im vergangenen Jahrzehnt waren die Überwachungskameras immer große Schwarz-weiß-Geräte, die auf Gebäuden angebracht waren“, erklärt Fred Turner, Assistenz-Professor an der Universität Stanford, der sich auf den Themenbereich digitale Medien und Kultur spezialisiert hat. „Jetzt tragen Individuen die versteckte Kamera.“ Aus der Bastelei von Kahn 1997 ist ein Massenphänomen geworden. Eltern reichen Fotos von ihren Sprösslingen nicht mehr in Papierform herum, sondern zeigen eine Bilderschau auf dem Handy; Handy-Fotos führen zu juristischen Prozessen und haben politische Konsequenzen.

Kahns erstes System wurde zur Grundlage für eine neue Firma, Lightsurf Technologies, die später an VeriSign verkauft wurde. Lightsurf entwickelte die Software Picturemail und arbeitete mit Handy-Herstellern zusammen, um die Fototechnik in die Mobilfunkgeräte zu integrieren. Das erste kommerzielle Kamera-Handy wurde 2000 von Sharp in Japan verkauft, 2002 kamen die ersten Geräte in den USA auf den Markt. Zur Fototechnik kamen schnell noch Videofunktionen hinzu. Die Entwicklung der Kamera-Handys, da ist sich Kahn sicher, hat gerade erst begonnen.

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