Arbeitswelt

Ist die Fabrik 4.0 menschenleer?

Die Fabrik der Zukunft ist vernetzt, digitalisiert und automatisiert – so macht es die Hannover Messe vor. Dabei geht es auch um Konsequenzen für die Arbeitswelt. Die einen prophezeien mehr Jobs, andere warnen vor Stellenabbau.
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Mit zunehmender Automatisierung der Fabriken bangen Arbeitnehmer um ihre Jobs. Quelle: dpa

Mit zunehmender Automatisierung der Fabriken bangen Arbeitnehmer um ihre Jobs.

(Foto: dpa)

StuttgartYumi könnte der Star der Hannover Messe werden. Noch bevor überhaupt die ersten Besucher in die Hallen stürmten, stand der zweiarmige Roboter von Maschinenbauer ABB im Blitzlichtgewitter der Eröffnungs-Pressekonferenz. Fliegende Leichtbauroboter der Firma Festo, die sich im Schwarm organisieren, oder der folgsame Transport-Roboter Fifi, den das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) wie einen Hund auf Handzeichen abgerichtet hat, konkurrieren mit der kopflosen Maschine von ABB um die Aufmerksamkeit der Messe-Besucher. Doch was den einen als wahrgewordene Science Fiction erfreut, entwirft für andere eher Horror-Szenarien. Wirtschaft, Politik, Gewerkschaften und Wissenschaft diskutieren, wie die Industrie 4.0 die Arbeitswelt verändert: Schafft der Wandel neue Jobs oder fallen mit ihm bestehende weg?

Während Gewerkschaften den Wandel der Produktion mit Argusaugen betrachten, prophezeien verschiedene Studien mit dem nächsten industriellen Wandel hunderttausende neue Jobs – zuletzt etwa die Boston Consulting Group (BCG). Insgesamt 390.000 neue Arbeitsplätze könnten in den kommenden zehn Jahren durch die Industrie 4.0 entstehen, teilte die BCG pünktlich zum Messebeginn in Hannover mit.

Kollege Roboter lässt grüßen
Lächeln für die Kamera
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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schäkert bei der Eröffnung der Hannover Messe in Hannover mit indischen Maskottchen. Schon vor der Eröffnung hat sich Merkel für intensivere Handelsbeziehungen zum diesjährigen Messepartnerland Indien ausgesprochen. „Der Handel zwischen Deutschland und Indien kann noch verbessert werden, obwohl Deutschland schon der größte europäische Handelspartner Indiens ist“, sagte Merkel am Sonntagabend.

Indien ist Gastland auf der Hannover Messe 2015
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Merkel eröffnete die Messe am Abend gemeinsam mit dem indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi. Dabei mahnte sie zur Wachsamkeit: „Wir müssen in Europa einfach einen Zahn zulegen, genauso wie wir auch in Deutschland einen Zahn zulegen müssen“, sagte sie am Sonntag zur Eröffnung der weltgrößten Industrieschau . „Wir müssen uns jeden Tag ändern“, forderte Merkel mit Blick auf das Zukunftsthema vernetzte Produktion. Auch Modis Land will sich in Hannover als fortschrittliches Technologieland präsentieren. Modi versprach Reformen in seinem Land, um Handel zu erleichtern. „Für uns hat es außerdem höchste Priorität, eine Weltklasse-Infrastruktur zu schaffen“, sagte er.

Merkel führt Modi auf der Messe herum
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Obwohl beide Länder ihre Beziehungen seit der Öffnung Indiens für Europa durch diverse Reformen ab 1991 intensivieren wollen, hat der bilaterale Handel wegen der Wachstumsschwäche der indischen Wirtschaft zuletzt abgenommen. So schrumpfte das Handelsvolumen in der Saison 2013 -2014 im Vergleich zur Vorperiode um 7,4 Prozent auf 16,1 Milliarden Euro. In der Rangfolge der deutschen Handelspartner steht Indien auf Platz 24, bei Ein- und Ausfuhren auf Platz 25. Umgekehrt steht Deutschland in Indien als Lieferant an 9. Stelle und als Abnehmer indischer Waren an 8. Stelle. In Indien werden vor allem Investitionsgüter nachgefragt, also Maschinen, die etwa ein Drittel am Gesamtexport nach Indien ausmachen, sowie Elektrotechnologie, Metallwaren, Chemie, Automobile. Nun will Indien wieder in di Offensive gehen und selbst als Handelspartner attraktiver werden. Mit seiner Milliardenbevölkerung will in diesem Jahr China als wachstumstärkstes Schwellenland überholen.

Hannover Messe 2015
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Nach Dampfmaschine, Fließband und Elektronik soll der Wirtschaft nun die vierte Revolution bevorstehen: die Vernetzung von Produkt, Maschine und Werkzeug in der Industrie 4.0.

Fehlstart
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Doch nur schleppend nimmt die nächste Entwicklungsstufe der Produktion in Deutschland Fahrt auf: Nur etwa die Hälfte der großen Unternehmen und 43 Prozent der Mittelständler messen der Industrie 4.0 eine hohe Bedeutung bei, ergab eine aktuelle Umfrage des Digitalverbands Bitkom.

Deutsche Skepsis
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Ein Grund ist laut Bitkom, dass viele Unternehmen die Chancen der Industrie 4.0 unterschätzen. Bei der Hannover Messe sollen ihre Möglichkeiten Gestalt annehmen. Schon zum dritten mal verschreibt sich die Hannover Messe damit demselben Thema, dieses Mal unter dem Titel „Integrated Industries – Join the Network“.

Hallo, Kollege Roboter!
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Mensch-Maschine-Kooperation ist ein zentrales Thema bei der diesjährigen Ausgabe der Messe. Die nächste Generation Roboter soll nicht mehr hinter Gittern, sondern Seite an Seite mit dem Facharbeiter werken. Ein Beispiel ist das Greifsystem des Herstellers Schunk.

Die zum Teil gegensätzlichen Prognosen zur Arbeitswelt in der Vision „Industrie 4.0“ ordnet Bernd Dworschak ein. Am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) beschäftigt er sich mit der Frage, wie Unternehmen und Ausbildungseinrichtungen zukünftige Qualifikationsanforderungen frühzeitig erkennen können. „Industrie 4.0 ist ein Hype-Thema, bei dem alle noch viel im Nebel stochern. Bisherige Anwendungsbeispiele decken nur Teilfacetten ab, daher müssen wir mit Szenarien arbeiten“, sagt Dworschak. Sein Team und er entwerfen zwei solcher Szenarien, um die Auswirkungen des industriellen Wandels auf die Arbeitswelt zu skizzieren: das Automatisierungsszenario einerseits und das Spezialisierungsszenario andererseits. Die spannende Frage für die Forscher ist, wie groß der Handlungsspielraum der Angestellten mit fortschreitender Automatisierung ist.

Erstere Variante ist sehr technikzentriert: Die Systeme agieren und entscheiden eigenständig, sodass sie den Facharbeiter zur ausführenden Instanz degradieren. Er kann kaum noch intervenieren, weil die Abläufe im Hintergrund zu komplex sind – der Produktionsablauf wird für ihn immer mehr zur Blackbox. „In der Extremversion nähert sich dieses Automatisierungsszenario der menschenleeren Fabrik an. Die ist nicht komplett menschenleer, soweit sind die Systeme nicht. Aber die Personen, die in ihr eine Aufgabe finden, sind hochqualifiziert“, erklärt Dworschak. Im Spezialisierungsszenario sehen die IAO-Experten hingegen durchaus Qualifikationsmöglichkeiten für Facharbeiter mittlerer Qualifikationsebenen. Wichtige Entscheidungen im Produktionsprozess treffen in dem Fall nach wie vor Menschen und nicht das System selbst.

„Wir haben den Roboter aus seinem Käfig geholt“
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