Digitalisierung
Kein Alleingang bei 4.0

Die Vernetzung der Industrie macht nicht an Ländergrenzen halt. Deutschland sollte an einer Weltsprache für das Industrial Internet mitarbeiten, um sich international als Wirtschaftsnation zu behaupten.
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Das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit war Startschuss für Deutschlands Aufstieg zur führenden Exportnation. Heute, am Vorabend der vierten industriellen Revolution, haben wir die Chance auf ein neues Wirtschaftswunder: Mit seiner starken industriellen Basis, seinem gesunden Mittelstand und weltweit gefragten Qualitätsprodukten ist Deutschland bestens aufgestellt, um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen.

Voraussetzung sind jedoch offene Märkte. 72 Prozent der deutschen Unternehmen sind international tätig - der Austausch von Wissen, technologische Offenheit, Vernetzung und Kooperation sind wichtig für den Erfolg unserer exportorientierten Wirtschaft. Im Widerspruch dazu stehen Forderungen nach einer „digitalen Souveränität“ Deutschlands. So soll ein deutsches Industrie-4.0-Konsortium eigene Standards für die vernetzte Fertigung entwickeln und diese über den Europäischen Binnenmarkt weltweit durchsetzen.

Die Idee „digitaler Souveränität“ steht einer digital vernetzten Welt diametral entgegen. Die vierte industrielle Revolution findet im Internet der Dinge statt und ist ein globales Phänomen. Deutschlands Fabrikausrüster und Anlagenbauer werden ihre führende Position nur behaupten, wenn ihre Maschinen und Dienste mit denen aus Asien, Europa, Afrika oder Amerika kommunizieren können. Die Beteiligten der Wertschöpfungskette müssen sich auf eine Sprache einigen, wenn sie das Potenzial des Industrial Internet voll ausschöpfen wollen: vom Anlagenbauer über den Autohersteller bis zu Vertragswerkstätten und App-Entwicklern für Fernwartung. Diese Sprache wird weder Deutsch noch Englisch sein, sondern eine neue Weltsprache, deren Standards und Normen der Kooperation und Interoperabilität dienen.

Statt sich in der Hoffnung auf die Poleposition im Industrial Internet und auf die Schaffung deutscher Standards zu versteifen, sollten sich Politik und Industrie lieber existierenden Bemühungen um internationale Standards anschließen. Unternehmen wie Bosch oder Siemens haben das längst erkannt und engagieren sich mit weltweit über 140 Konzernen und Organisationen im Industrial Internet Consortium (ICC), um internationale Standards für die vierte industrielle Revolution zu schaffen. Je mehr deutsche Firmen Expertise einbringen, desto eher werden deutsche Innovationen in internationale Standardisierungsprozesse einfließen, und desto gezielter können hiesige Unternehmen ihre Stärken ausspielen.

Die Anwender, deren Anlagen heute auf unterschiedlichsten Technologieplattformen laufen, interessiert in erster Linie die Integration dieser Plattformen. Angesichts langer Lebenszyklen von Investitionsgütern sind sie darauf angewiesen, dass Technologieanbieter egal welcher Herkunft kooperieren und die Interoperabilität zwischen ihren Plattformen gewährleisten. Dies soll nicht heißen, dass deutsche oder europäische Industriekonsortien nicht sinnvoll sind. Sie dürfen aber nicht zu einer technologischen Abschottung führen, sondern sollten sich als die Brückenköpfe für internationale Zusammenarbeit verstehen. Nur wenn wir uns auf die Erfolgsfaktoren der deutschen Wirtschaft - Offenheit, Vernetzung und Kooperation - besinnen, wird ein zweites, digitales Wirtschaftswunder in Deutschland entstehen.

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