Industrie 4.0
Nur bedingt sicher

Mit der Industrie 4.0 tun sich ganz neue Sicherheitslücken auf. Doch Cyberattacken werden die Digitalisierung nicht aufhalten, glaubt Martin Wocher.
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Es ist eine schöne neue Welt, die uns gerade auf der weltgrößten Industriemesse in Hannover gezeigt wird: vernetzte Maschinen, wohin das Auge blickt. Kontinuierlicher Datenaustausch in immer größeren Netzwerken zwischen allen Mitgliedern einer Produktionskette. Die Informationsströme jederzeit abruf-, kontrollier- und steuerbar über Laptop, Smartphone oder iPad, von jedem Platz der Welt.

Die Unternehmen versprechen sich von der fortschreitenden Digitalisierung im Büro und in der Werkshalle eine massive Steigerung der Produktivität, weniger Ressourcenverbrauch, individuell zugeschnittene Produkte. Dazu winken neue Geschäftsmodelle rund um mehr Service und vorausschauende Wartung, die schon heute lukrativer sind als der simple Bau einer Maschine und künftig mehr als bisher im Gesamtpaket vertrieben werden.

Alles gut, oder? Nicht ganz, denn diese vierte industrielle Revolution wird nur funktionieren, wenn es den Unternehmen gelingt, unliebsame Eindringlinge aus ihren Netzwerken herauszuhalten. Man mag sich nicht vorstellen, was los ist, wenn Roboter in der Fertigung plötzlich verrückt spielen. Die Cyberattacke auf den französischen Fernsehsender TV5 Monde war nur das jüngste Beispiel.

Tagtäglich werden die IT-Systeme von Firmen tausendfach durch Viren, Trojaner oder Schadsoftware angegriffen. Natürlich schützen sich die Firmen dagegen, und im Regelfall gelingt es ihnen auch. Doch auch die Gegenseite rüstet mit maßgeschneiderten Schadprogrammen auf, die sich zielgerichtet in das digitale Nervensystem ausgesuchter Opfer einschleusen. Sie spionieren Anlagen aus, steuern Maschinen fremd und legen ganze Produktionen lahm.

Das entspricht aus Sicht der Cyberkriminellen einer gewissen Logik: je komplexer und größer die Netzwerke, desto höher der Schaden - und damit das Potenzial für mögliche Erpressungen, ein Motiv für Hackerangriffe. Und je mehr Geräte, Menschen und Maschinen miteinander kommunizieren, umso größer die Zahl der Einfallstore, was eine mögliche Wirtschaftsspionage erleichtert.

Braucht es also nur einen spektakulären Fall wie der Totalausfall eines Autowerks über mehrere Tage oder den Strom-Blackout einer ganzen Region nach der digitalen Kaperung einer Kraftwerkssteuerung, um die Digitalisierung der Industrie zu stoppen oder zumindest zu verzögern? So ein Vorfall wird irgendwann, irgendwo so kommen und entsprechende Diskussionen auslösen.

Den Trend zur digitalen Vernetzung wird er nicht aufhalten können. Dafür sind die Vorteile für Wirtschaft und Gesellschaft zu groß. Als Aufgabe bleibt den Unternehmen nur, ihre Anstrengungen und Etats zu erhöhen, um sich bestmöglich gegen Attacken aus dem Internet zu schützen und die Auswirkungen auf Know-how und Produktion möglichst klein zu halten, sollte ein Hacker doch einmal die Barrieren durchbrechen.

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