Industrie 4.0
Revolution auf der Hannover Messe

Sensorik und Kameras machen es möglich: Maschinen arbeiten Hand in Hand mit Menschen – eine Revolution, die den Alltag in deutschen Produktionsstätten einfacher machen wird. Die Hersteller erhoffen sich neue Märkte.
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Stuttgart/MünchenIm Ansbacher Bosch-Werk hat die Zukunft der Fertigung schon begonnen. Sie wirkt noch etwas gewöhnungsbedürftig. Eine Roboterhand mit drei Gliedern setzt ein Steuerungselement erst in ein Bearbeitungszentrum ein und holt es anschließend heraus, um es direkt an eine Arbeiterin zu übergeben.
„So eng und ohne Schutzzaun haben Roboter und Mensch noch nie zusammengearbeitet“, sagt Projektleiter Wolfgang Pomrehn. Was heute noch eine produktionstechnische Sensation ist, könnte bald schon Alltag in deutschen Fabriken werden.

EEs kündigt sich nicht weniger als eine Revolution der Fertigungstechnik an, mit ganz neuen Einsatzmöglichkeiten für die Kukas, Yaskawas und Boschs dieser Welt. Während alle über Industrie 4.0 sprechen, hat sich die neue Generation Roboter schon auf den Weg gemacht – flexibel einsetzbar und in der Lage, Arbeitsanweisungen und Methoden über das Netz zu erhalten.

Gefahrlose Zusammenarbeit mit dem Menschen

Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel interessiert sich auf der heute beginnenden Hannover Messe besonders für die neuen Roboter der Industrie 4.0. In Japan hatte sie sich beim Staatsbesuch Roboter angeschaut, die sich ähnlich wie Menschen verhalten sollen. Beim Händeschütteln griff die Kanzlerin beherzt die Kunststoffhand. „Die Vernetzung und Digitalisierung von Fabriken“, sagte BDI-Chef Ulrich Grillo dem Handelsblatt, sei ein „wichtiger Wachstumstreiber“.


Bosch nennt seine Roboter allerdings nüchtern Automatischer Produktionsassistent (Apas). Er hat auch nicht viel von der Starwars-Ikone R2-D2. Er sagt nicht „Bibadidbib“, sondern arbeitet stumm. Er sieht eher aus wie ein viereckiger kühlschrankgroßer Kasten mit Touchscreen auf vier Rollen, aus dem ein gelber Roboterarm des Herstellers Fanuc herausragt.

Das Besondere ist neben den intelligenten 3-D-Kameras die schwarze Sensorhaut des Armes, die an Kunstleder erinnert. 120 Sensoren erkennen, unter anderem am elektromagnetischen Spannungsfeld, wenn sich jemand nähert, und bremsen den Arm sanft ab; ab einer Nähe von fünf Zentimetern stoppt er. „Der Apas arbeitet absolut berührungslos“, sagt Pomrehn. Die Berufsgenossenschaft hat den Apas deshalb voll zertifiziert für die direkte Zusammenarbeit mit Menschen, ohne Schutzvorrichtungen.

Alles, was Apas kann, wurde vorher programmiert. „Selbstlernend ist das System nicht, aber es kann sein Wissen über die Cloud mit anderen Robotern teilen“, sagt Pomrehn. Die Umstellung auf kleine unterschiedliche Produkte und Serien geht so sehr schnell und einfach. Mit seinen Rollen ist der Apas flexibel an vielen Plätzen einsetzbar.

Noch steckt der vor einem Jahr vorgestellte voll industrietaugliche Bosch-Roboter am Anfang seiner Vermarktung. 30 sind bereits im Einsatz. Zunächst bei Bosch selbst, aber auch ein großer Autokonzern hat bereits fünf der 115.000 Euro teuren Roboterkollegen in seinen Diensten. Noch zum Testen. Entscheidet er sich dafür, wäre das der große Durchbruch in dreistellige oder vierstellige Absatzzahlen.

Neue Märkte neben der Autobranche

Die Roboterindustrie kann neue Einsatzmöglichkeiten gut gebrauchen. Zwar boomt der Absatz seit Jahren. Nach Angaben des Branchenverbandes IFR wurde im Jahr 2014 mit mehr als 200.000 verkauften Robotern erneut ein Rekord erzielt. Das gesamte Marktvolumen schätzt die Unternehmensberatung Boston Consulting auf 27 Milliarden Dollar, 11 Milliarden entfallen davon auf Industrieroboter – Tendenz weiter steigend. Für das Jahr 2025 taxieren die Berater den Gesamtmarkt auf 69 Milliarden Dollar und bei den Industrierobotern mit mehr als einer Verdopplung auf über 24 Milliarden Dollar. Glänzende Aussichten für den japanischen Weltmarktführer Fanuc, aber auch Kuka als Nummer zwei und Yaskawa, ebenfalls aus Japan.
Der Boom wurde lange vor allem von der massiven Nachfrage aus der Autobranche getrieben – der irgendwann abebben dürfte. Da kommen die neuen, menschenähnlichen Roboter gerade recht. „Der Durchbruch der Mensch-Roboter-Kollaboration hat gerade erst begonnen“, ist IFR-Präsident Arturo Baroncelli überzeugt. Mit Hilfe der neuen Maschinen könnten Branchen erobert werden, die bislang noch wenige Roboter einsetzen. „Das Thema ist heiß!“, frohlockt Baroncelli.

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