Industrieland Polen
Im Schatten des großen Nachbarn

Polen als diesjähriges Partnerland der Hannover Messe will weg von seinem Image als verlängerte Werkbank für europäische und amerikanische Industrie- und Technologiekonzerne. Doch der Weg dorthin ist schwierig.
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KrakauDas schwer beladene Containerschiff kämpft sich durch die haushohen Wellen des Nordatlantiks, als die Warnlampe das Kontrollzentrum im Hunderte Seemeilen entfernten Oslo in flackerndes Rot taucht. Das Alarmzeichen reißt den diensthabenden Ingenieur aus seiner Routine – irgendwas ist auf dem Schiff nicht in Ordnung. Ein Signal auf dem mannhohen Bildschirm weist nicht nur die genaue Position des Frachters aus, sondern gibt gleich einen Hinweis auf die Fehlerursache: Der Diesel macht Probleme, in wenigen Stunden muss ein Ersatzteil ausgetauscht werden, soll die Maschine nicht zum Stillstand kommen.

Vier Software- und Entwicklungsingenieure des Schweizer Elektrokonzerns ABB beobachten konzentriert die Simulation von ihren Monitoren aus. Sie gehören zu dem Team, das dieses System der permanenten Überwachung von Schiffen gekoppelt mit technischer Unterstützung rund um die Welt entwickelt hat. Nicht in Norwegen und nicht in den Schweizer Bergen, sondern in Krakau, der malerischen Studentenstadt im Süden Polens. „Hier sitzen die Spezialisten zur Umsetzung von mechanischer Analytik und Softwareverfahren“, sagt Reiner Schoenrock, Kommunikationschef für Innovationen beim Siemens-Konkurrenten.

Sechs solcher Kontrollzentren hat ABB seit 2015 rund um den Globus aufgebaut. Sie überwachen inzwischen 650 Kreuzfahrtschiffe, Containerfrachter und Ölplattformen – alles Sparten des maritimen Gewerbes, in denen ein technischer Ausfall viel Geld kostet und zudem das Image ramponiert. Millionen Daten werden dafür aus Hunderten Kontrollpunkten eines Schiffes ausgelesen und gewichtet, Unregelmäßigkeiten so schnell erfasst.

Diese werden den Reedereien und Schiffsingenieuren übermittelt, „oftmals schon, bevor sie das Problem selbst bemerkt haben“, sagt Schoenrock. „Unsere Techniker sehen die Fehler, wenn sie entstehen.“ Kommt der Mann an Bord nicht weiter, loggen sich Spezialisten von außerhalb in die Schiffscomputer und -systeme ein und helfen bei der Lösung. Das spart Zeit und viel Geld, denn Schiffe, die nicht fahren, bringen nichts ein.

Die Kontrolle der modernen Seefahrt beschäftigt nur eins von 25 Labs, also Forschungslabore, die ABB hier in den Gewölben eines ehemaligen Pferdestalls unweit der Krakauer Altstadt unterhält. Das Gebäude gehörte mal zur Residenz der Barone de Puget, die den Komplex hochherrschaftlich und großzügig Ende des 19. Jahrhunderts errichten ließen. Jetzt wird hier an Projekten wie der drahtlosen Energieübertragung geforscht oder der Rückgewinnung von Bremsenergie bei Zügen.

Rund 700 Ingenieure und Softwareentwickler aus vielen Ländern arbeiten für ABB in Polen, mit knapp 4 500 Mitarbeitern ist der Schweizer Konzern einer der größten industriellen Arbeitgeber im Land. Krakau punktet mit seinen 210 000 Studenten – ein schier unerschöpfliches Reservoir an jungen Talenten, die längst das Interesse anderer internationaler Konzerne wie Google, RWE oder Capgemini geweckt haben.

Verstärkte Forschung und Innovationen – das entspricht ganz der Strategie der neuen rechtskonservativen Regierung Polens. Das Land will weg von seiner Rolle als verlängerte Werkbank für westeuropäische Industriefirmen und nicht länger auf seine Vorteile als kostengünstiger Produktionsstandort reduziert werden. Doch die Analyse des Istzustands fällt selbst beim optimistisch gestimmten Vize-Wirtschaftsminister ernüchternd aus: „Rund 99 Prozent aller polnischen Firmen sind Klein- oder Mittelbetriebe“, sagt Tadeusz Koscinski. „Sie konzentrieren sich meist auf den Binnenmarkt und haben kein Interesse am Export.“

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