Industrieland Polen
Im Schatten des großen Nachbarn

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Umschwung mit Industrie 4.0

Neue geschäftsträchtige Ideen haben es schwer, in diesem Umfeld zu gedeihen. Ein polnisches Siemens ist auf absehbare Zeit nicht in Sicht – kein Wunder, dass sich die bekannten Namen der europäischen Industrie in Polen ein Stelldichein geben. Sie füllen das Vakuum, das die staatlichen Betriebe nach ihrem Zusammenbruch kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hinterlassen haben.

Ähnlich wie die Kombinate in der ehemaligen DDR waren sie nicht wettbewerbsfähig. Das Nachbarland ist ein attraktiver Absatzmarkt mit seinen 38 Millionen Einwohnern und ein interessanter Fertigungsstandort. Die Menschen hier sind gut ausgebildet, das Lohnniveau liegt bei einem Viertel dessen, was in deutschen Fabriken bezahlt wird. Zudem pumpt die EU über ihre verschiedenen Fördertöpfe massiv Geld in das Land: Über 80 Milliarden Euro werden es in den kommenden Jahren sein, die vor allem die Infrastruktur rund um Autobahnen, Bahnnetze oder auch Klärwerke verbessern sollen.

Um mehr Investoren zu locken, aber auch um die eigene Industrie zu stärken, hat sich die Regierung in Warschau ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Da das Land quasi die zweite und dritte Stufe der Industrialisierung verpasst hat und Roboter immer noch Exoten in vielen polnischen Fertigungshallen sind, soll jetzt die Digitalisierung im Zuge der Vierten Industriellen Revolution den Umschwung bringen.

„Wir wollen die Zusammenarbeit zwischen Firmen und Universitäten verbessern, Start-ups finanziell fördern und so an der digitalen Revolution 4.0 teilnehmen“, sagt Vize-Minister Koscinski. Ein Schritt dorthin soll die Teilnahme vieler polnischer Firmen an der Hannover Messe sein: Polen ist in diesem Jahr Partnerland der weltgrößten Industrieschau, die sich seit geraumer Zeit der Digitalisierung industrieller Produktion verschrieben hat.

Die Elektrotechnikfirma Medcom am Rande von Warschau ist eine dieser Erfolgsgeschichten, von denen sich Polens Regierung mehr wünschen würde. In der Wendezeit 1988 von vier Ingenieuren gegründet, erzielt der Energietechnik-Spezialist für Züge, Straßenbahnen und Industrieinstallationen inzwischen mit seinen 250 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 60 Millionen Euro. Die Firma wächst schnell, liefert Umrichter und Transformatoren.

Rund sechs Prozent ihres Umsatzes steckt Medcom in die Forschung – das ist viel für eine polnische Industriefirma. Nur jede achte investiert ähnlich viel in neue Produkte, in Deutschland sind es im Maschinenbau ein Drittel aller Unternehmen. „Wir konzentrieren uns auf Nischenprodukte für Bus und Bahn“, sagt Piotr Wronski, Vizepräsident der Firma.

Medcom hat es so auf die Zuliefererliste des polnischen Nahverkehrszug- und Straßenbahnherstellers Newag geschafft, der sich ansonsten gern von deutschen Firmen beliefern lässt: So sorgt Knorr-Bremse für den rechtzeitigen Halt der Schienenfahrzeuge, die beiden Steckverbindungsspezialisten Harting und Weidmüller liefern Produkte für die sichere Elektrik und Signalübertragung. Newag – schon vor 141 Jahren gegründet und 2003 privatisiert – tritt erst seit neun Jahren als Zughersteller in Erscheinung und feiert dafür bemerkenswerte Erfolge: Vor vier Jahren wurden die ersten Waggons für die Metro in Warschau ausgeliefert, Kooperationspartner war der deutsche Industriekonzern Siemens.

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