Festo-Chef Alfred Goll: Automatisierer mit Gefühl

 

Neuer Festo-Chef Alfred Goll
Automatisierer mit Gefühl

Alfred Goll ist an die Spitze des Pneumatik-Spezialisten Festo gerückt. Er soll wieder Ruhe in die Führungsetage bringen. Bei seinem ersten Auftritt auf der Hannover-Messe will er gleich eine Revolution präsentieren.
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EsslingenAm kommenden Montagvormittag wird es für den neuen Festo-Chef Alfred Goll ernst. Auf der Hannover-Messe, der weltgrößten Industrieschau, hat sich die Bundeskanzlerin bei ihrem traditionellen Rundgang angemeldet. Festo ist da ein beliebtes Ziel, weil der Pneumatik-Spezialist als Hingucker immer mit einer der Tierwelt entlehnten Technologie aufwartet. Mal eine künstliche Libelle, mal ein einem Elefantenrüssel nachempfundener Greifarm und in diesem Jahr ein pneumatischer Roboter, der die Leistungsfähigkeit der Festo-Technologie zeigen soll.

Nun ist es nicht so, dass Goll die Kanzlerin nicht schon erlebt hätte. Vor einem Jahr kam sie nach Ostfildern-Scharnhausen, um sich in der Festo-Technologiefabrik ein eigenes Bild von der künftigen Kollaboration von Mensch und Maschine zu machen. Aber bislang stand der Personalchef des schwäbischen Mittelständlers eher in der zweiten Reihe. Am Montag hängt es an dem Betriebswirt, der promovierten Physikerin den Festo-Roboter zu erklären. Genau genommen wird es ein kollaborativer Leichtbauroboter mit pneumatischen Antrieben und einem Greifer, der dem Tentakel des Oktopus nachempfunden ist. Noch ist der gebürtige Saarländer gelassen. „Es wird schon klappen. Warum sollte ich nervös sein?“ Na, weil bei solchen hohen Besuchen immer etwas schiefgehen kann. Als der russische Präsident Wladimir Putin mit Merkel 2013 an den Festo-Stand in Hannover kam, stürzte die erwähnte Libelle vor den Augen Putins ab. Die Störsender seiner Bodyguards hatten die Funksteuerung des Flugroboters versehentlich blockiert. Erhalten ist die Panne für die Ewigkeit auf Youtube. Aber Goll verlässt sich auf sein eher ruhiges Naturell. Ohne diese Gelassenheit wäre er wohl auch nicht auf den Chefposten des Maschinenbaukonzerns gekommen.

Zwei Abgänge in zwei Jahren

Festo ist es gewohnt, stetig zu wachsen. In Hannover wird Goll die Unternehmenszahlen für 2016 veröffentlichen. Erwartet wird in der Branche leichtes Wachstum, nach 2,6 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2015. Aber von ruhiger Entwicklung kann in den vergangenen zwei Jahren keine Rede sein, zumindest personell. Erst verließ 2015 der langjährige Vorstandschef Eberhard Veit im Alter von damals 53 Jahren überraschend früh das Unternehmen. Mit Produktionschef Claus Jessen als Nachfolger schien die natürliche Nachfolge für den Automatisierungsspezialisten gefunden. Doch schon nach neun Monaten an der Spitze war Schluss „wegen unterschiedlicher Auffassungen über die strategische Ausrichtung des Unternehmens“, wie es damals hieß. Jessen war wohl zu forsch, ungeduldig und eigenwillig aufgetreten. Nicht nur bei der Belegschaft, auch bei den Vorstandskollegen und wohl auch bei den Eigentümern.

„Bei Unternehmen mit einer langen Tradition muss man bei Veränderungen immer einen Mittelweg finden“, betont Goll. Man müsse ein Gefühl entwickeln, welche Schrittgeschwindigkeit man dem Unternehmen zumuten könne, das Machbare im Auge haben und keine unrealistischen Ziele setzen. Er habe „keine Sekunde gezögert“, als die Eigentümer ihm die Aufgabe vergangenen Herbst anboten. Das 1925 gegründete Unternehmen befindet sich in Händen zweier Familienstämme. Die beiden Vertreter der zweiten Generation Wilfried Stoll, 79, und Kurt, 85, haben die Firma groß gemacht. Ihre offiziellen Aufsichtsfunktionen haben sie bereits an jeweils zwei Vertreter der dritten Generation übertragen. „Aber Unternehmer bleiben Sie Ihr Leben lang“, sagt Goll.

Ihr neuer Chef gibt sich diplomatisch zurückhaltend. „Ich bin ja kein Vorstandschef, sondern nur Sprecher des Vorstandes.“ Goll sieht sich als Primus inter Pares. „Wir sind ein starkes Team gleichberechtigter Vorstände.“ Nur obliege ihm die Kommunikation nach außen und zu den Gesellschaftern. Aber als Notlösung empfindet sich der 60-Jährige auch nicht und kokettiert: „Ich weiß gar nicht, wie lange mein Vertrag noch läuft, vielleicht drei oder vier Jahre. Müsste ich nachschauen.“ Sicherlich stehe das Thema bei seinem Alter irgendwann an. Das Unternehmen suche einen zusätzlichen fünften Vorstand. Er rechne aber nicht mit einer Besetzung noch in diesem Jahr.

Da die Strategie feststehe, brauche Festo auch nicht unbedingt einen Vorstandsvorsitzenden. Das Programm „Lead“ sei von allen Vorständen umzusetzen. Und das heißt nichts anderes, als den Abstand zum Marktführer SMC Corporation zu verringern. Die Japaner kommen auf rund 30 Prozent Marktanteil, Festo auf 20 Prozent. Bis 2020 soll sich der Abstand mindestens auf sieben Prozentpunkte verringern. Auch Akquisitionen kann sich Goll vorstellen, um das Ziel zu erreichen.

Gefühl fürs richtige Tempo

Ein Personaler an der Spitze wirkt für einen Automatisierungsspezialisten eher ungewöhnlich, aber passt beim genaueren Hinsehen. Denn das Unternehmen hat seit 50 Jahren mit Festo Didactic eine Tochter, die sich um Ausbildung intern und extern kümmert. Eröffnet beispielsweise Audi in Mexiko ein Werk, dann schult Festo die Mitarbeiter in Lernfabriken. Der Zweig mit derzeit 150 Millionen Euro Umsatz wird durch die digitalen Anforderungen der Industrie 4.0 an die Mitarbeiter immer wichtiger. „Viele Unternehmen fixieren sich bei Industrie 4.0 auf die Technologie“, sagt Goll, „aber nur bei einem harmonischen Gebilde aus Kultur, Qualifikation, Mensch und Technik kann Digitalisierung funktionieren.“ Festo hat in Baden-Württemberg bereits einige Lernfabriken an Berufsschulen etabliert, in denen Mechatroniker auf die Digitalisierung vorbereitet werden.

In Hannover steht allerdings eine neue Technologie im Vordergrund. Dort will Festo mit einem sogenannten „Motion Terminal“ reüssieren. „Wir haben eine Automatisierungsplattform geschaffen, mit der wir die Pneumatik revolutioniert haben“, betont Goll. Alle Funktionen der Anlagen können individuell übers Netz gesteuert werden. Zur Anschauung der Leistungsfähigkeit ist das Modul auch in dem Show-Roboter verbaut. Denn eine Herausforderung hat Festo in Zukunft: Pneumatik immer intelligenter zu machen, damit sie nicht von rein elektrischen Systemen in der Automatisierung verdrängt wird.

Privat gönnt sich der verheiratete Vater zweier erwachsener Kinder kleine Fluchten aus der Digitalisierung. Er fährt leidenschaftlich Harley Davidson, „eher gemütlich, dem Verkehrsfluss angepasst“. Ein Gefühl fürs richtige Tempo braucht er in seinem Job auch.

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent

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