10 Jahre Google
Das Imperium, das aus der Garage kam

Allmächtig, ungreifbar und in der Kritik: Seit der Gründung vor zehn Jahren in einer Garage in Silicon Valley hat sich Google zum multinationalen Großkonzern entwickelt. Mit dem Wachstum kamen die Image-Probleme. Neue Bücher versuchen zum Firmenjubiläum, dem Phänomen Google auf die Spur zu kommen.

DÜSSELDORF. Bücher über Google sind eigentlich ein Paradoxon in sich. Nehmen die Autoren ernst, was sie schreiben, muss man fragen, warum sie sich überhaupt noch einen Verleger gesucht haben, um ihr Wissen in Druckerschwärze zu verewigen. Denn das Objekt ihrer literarischen Begierde hat genau das Gegenteil zum Ziel: alles - auch das gedruckte - Wissen der Welt digital zu organisieren und verfügbar zu machen, papierfrei. Doch das Gegenteil ist der Fall. Zum zehnjährigen Jubiläum des Werbe- und Internetgiganten kommen Neuerscheinungen auf den Markt, die in alter Manier Seite für Seite die digitale Zukunft erklären wollen.



"Die Google-Falle" titelt der österreichische Journalist und Sachbuchautor Gerald Reischl sein Geburtstagsgeschenk an Larry Page und Sergey Brin, das "Google-Imperium" sieht Autor Lars Reppesgaard - der unter anderem für das Handelsblatt schreibt - am Horizont gewitterleuchten. Was einst die nette Suchmaschine war, ist jetzt Ziel harscher Kritik und provoziert vor allem bei der älteren Generation gesellschafts- und kulturpolitische Endzeitstimmung.



Handelten die ersten Google-Bücher noch mehr von kostenlosen Müsli-Riegeln, Flipperautomaten und einer spielerischen Arbeitswelt im Sunshine-Staat Kalifornien, sind nun "drohend", "unheimlich", "allmächtig" die Vokabeln, die die Medien beherrschen. Sie durchziehen auch als Grundstimmung diese jüngsten Versuche, ein Phänomen zu erklären, das man eigentlich nicht erklären kann. Wie eine einfache Softwarebude, gestartet von zwei ambitionierten Studenten, es geschafft hat, heute Politik, Wissenschaft und Ökonomie zu beherrschen und in einem Atemzug mit IBM, Microsoft oder Gutenberg genannt zu werden. Googles Suchmaschine beherrscht das Internet und hat dem Unternehmen wahrscheinlich die größte Datensammlung über die Surfgewohnheiten der Menschheit verschafft. Google macht alles, von der Straßenkarte bis zum DNA-Test.



Dieses Problem der Ungreifbarkeit merkt man den beiden Werken an. Sie sind über weite Strecken langatmig. Endlos reiht sich die Beschreibung eines Google-Dienstes an die andere, als solle schon die Masse den Beweis der Macht und Größe antreten. Ab und zu sind amüsante Schmankerln eingebaut, und man merkt, dass Reppesgaard und Reischl noch die gute alte Recherche aus der Vor-Google-Zeit beherrschen. Damals, als man noch gelesen, bewertet, sortiert und gefiltert und Menschen besucht hat, bevor man etwas schrieb. Aber nie fehlt am Ende der obligatorische warnende Zeigefinger: Und was passiert mit den Daten? Irgendwann, wie wichtig das Thema Datenschutz unbestritten ist, will man es nicht mehr lesen.



Vor allem das Buch von Reppesgaard versucht, sich mit den Menschen hinter Google auseinanderzusetzen, um den Erfolg zu beleuchten - und vielleicht auch dessen dunkle Seite. Bei Google versammelt sich eine Elite, arbeitet Reppesgaard heraus, die immer mehr in ihrer elitären Welt lebt. Sie droht die Bodenhaftung zu verlieren. Schön zeigt er auf, wie mit der Einführung von Google-Mail (in Teilen der Welt G-Mail) eine Zäsur einsetzte, als Google erstmals wirklich im Kreuzfeuer der Kritik stand und es gar nicht fassen konnte. Schließlich lautet doch ihr Grundmotto "Tue nichts Böses".



Ohne Häme beschreibt er die strukturellen Probleme, in denen Google heute steckt, ein multinationaler Konzern mit über 16 000 Mitarbeitern und Milliardenumsätzen, der verzweifelt versucht, sein Studenten-Surfboard-Image aufrechtzuerhalten und der daran kaputtgehen könnte. Daran, nicht an der Konkurrenz.



Reischl geht ganz anders heran. Sein Buch kulminiert praktisch in der Aussage eines von ihm mit einer Analyse betrauten Unternehmensberaters (Kreutzer, Fischer & Partner), der zu dem Schluss kommt: "Im Endeffekt ist Google eine große Marketingblase". Über Strecken hat man den Eindruck, als ob "Die Google-Falle" darauf hingeschrieben wurde, dieses Statement zu untermauern. So einfach ist die Welt aber doch nicht.



Das Phänomen Google wirklich zu greifen ist keinem gelungen. Aber vielleicht wird es auch nie gelingen. Trotzdem sind die Versuche lesenswert. Schon alleine, weil sie eine Welt zeigen, die unsere Kinder besser kennen als wir.



Wer diese Bücher gelesen hat, dem würde Amazon.de - vollautomatisch, computergeneriert - auch "Die Google-Ökonomie" der Unternehmensberater Ralf Kaumanns und Veit Siegenheim vorschlagen. Es lässt den politisch gesellschaftlichen Teil der Diskussion weitgehend aus, um sich darauf zu konzentrieren, wie das "Prinzip Google" unsere Wirtschaftssysteme verändert. Leidenschaftslos erklären die Autoren, was Unternehmen von Google lernen können. Wie man es macht, Produkte umsonst abzugeben und trotzdem Geld zu verdienen. Dass das Revolutionäre nicht die Suchmaschine ist, sondern die Art, wie Google die Werbewirtschaft revolutioniert hat. Der Querschnitt aus diesen drei Büchern, das ist vielleicht das Suchergebnis, das der Antwort auf die Frage am nächsten kommt: "Wie tickt eigentlich Google?"



LARS REPPESGAARD: Das Google-Imperium

Murmann, Hamburg 2008, 240 Seiten, 19,90 Euro



GERALD REISCHL: Die Google-Falle. Die unkontrollierte Weltmacht im Internet

Ueberreuter, Wien 2008, 190 Seiten, 19,95 Euro



R. KAUFMANN, V. SIEGENHEIM: Die Google-Ökonomie Books on Demand, Norderstedt 2007, 256 Seiten, 24,80 Euro

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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