100-Dollar-Laptop
Geglückte Mission

Millionen preiswerter Laptops sollen Kindern in Entwicklungsländern eine bessere Bildung ermöglichen. Die schlanken Billigrechner sind hochinnovativ.
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Dicht an dicht gleiten die Notebooks über die Produktionsstraßen von Quanta, dem weltgrößten Auftragsfertiger von tragbaren Computern. Tausende Standardgeräte für Unternehmen wie Apple, Dell, Acer oder Hewlett-Packard verlassen täglich die Fabrik nahe der chinesischen Metropole Shanghai. Darunter – in kleineren Stückzahlen und für gut zahlende Geschäftskunden – edle Modelle mit beleuchteter Tastatur, breitem Flachbildmonitor, glänzenden Oberflächen aus schwarzem Klavierlack oder Gehäusen aus gebürstetem Stahl.

Gegen die Nobel-Notebooks wirkten die knapp 900 in Handarbeit gefertigten Mobilrechner in ihren weiß-grünen Plastikgehäusen mit der Aufschrift XO und dem klobigen Handgriff wie Spielzeuge fürs Kinderzimmer. Doch mit den rund 1,5 Kilogramm schweren Kunststoff-Computern hatte es etwas Besonderes auf sich: Empfänger war Nicholas Negroponte, der Initiator eines der ambitioniertesten Bildungsvorhaben, das je weltweit gestartet wurde.

Der Plan des langjährigen Direktors des Media Lab am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge: Um die „digitale Kluft“ zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern zu überbrücken, will er mit seinem Projekt „One Laptop per Child“ (OLPC) in den kommenden Jahren Millionen von Kindern mit speziellen Lerncomputern ausstatten und ihnen so eine bessere Bildung ermöglichen. Der XO ist ein Computer, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Er soll zu Preisen von rund 100 Dollar in zwei- bis dreistelliger Millionenzahl produziert, jedoch nicht einfach verschenkt werden. Laut OLPC-Konzept sollen die Regierungen in den Entwicklungsländern die preiswerten Geräte kaufen und so die Ernsthaftigkeit ihres Engagements beweisen.

Kritikern, die meinen, das Geld wäre in der Gesundheitsversorgung besser aufgehoben, entgegnet Negroponte: „Ich kenne niemanden, der zu arm ist, um in Bildung zu investieren. Natürlich braucht, wer hungert, zuerst Essen, und wer unter Krieg leidet, Frieden. Aber ohne Bildung wird sich die Welt nicht verbessern lassen.“ Schon diesen Herbst will Negroponte die ersten Serienrechner ausliefern – vorausgesetzt, sie haben sich als alltagstauglich erwiesen. Die dritte Generation an Testgeräten wird zurzeit in Ländern wie Brasilien, Libyen, Nigeria, Pakistan, Thailand und Uruguay erprobt. „Wir stecken in der kritischsten Phase des Projekts“, so Negroponte.

Zwar hat die Initiative nach eigener Angabe mittlerweile mehr als vier Millionen Vorbestellungen erhalten. Die Fertigung wollen OLPC und Quanta allerdings erst starten, wenn die interessierten Regierungen mindestens drei Millionen Geräte fest geordert haben. Denn dann erst wird die Produktion nämlich rentabel. Ohnehin kostet der vom Schweizer Industriedesigner Yves Béhar gestaltete Lerncomputer mit knapp 176 Dollar aktuell noch deutlich mehr als die angepeilten 100 Dollar. Und das, obwohl Zulieferer wie AMD und Chi Lin Technology Prozessoren und Displays zu Sonderkonditionen abgeben und Quanta pro Gerät nur drei Dollar Gewinn einkalkuliert. Üblich ist das Fünf- bis Zehnfache. Negroponte hält die Zielmarke dennoch für realistisch: „Wachsende Stückzahlen und die stärkere Integration der Bauteile werden die Gerätekosten pro Jahr um rund ein Viertel senken.“ Schon im zweiten Produktionsjahr soll die Zahl der ausgelieferten Rechner 50 bis 100 Millionen Stück erreichen. „Ein Vierteljahrhundert nach derVorstellung des ersten PCs nutzen rund 700 Millionen Menschen so einen Rechner“, so der IT-Visionär. „Mit unserem Modell lässt sich die Zahl binnen weniger Jahre verdoppeln."

Seit Negroponte, in New York geborener Sohn griechischer Einwanderer, seinen Job als Präsident des Media Lab vor zwei Jahren aufgab, widmet er sich ganz dem präsentierte der heute 64-Jährige mit dem damaligen UNO-Generalsekretär Kofi Annan auf dem Weltinformationsgipfel in Tunis einen ersten Prototypen. Die Resonanz der weltweiten IT-Community reichte von Erstaunen bis zu massiven Zweifeln. Schnell war klar, dass so ein Projekt mit den Produktionskonzepten normaler Computer nicht zu erreichen war.

Negroponte ließ sich davon nicht irritieren. Unverdrossen sammelte er bei Unterstützern wie Google, AMD und dem Medienunternehmer Rupert Murdoch Spenden für die Entwicklung ein. Dem Vernehmen nach kamen bisher rund 20 Millionen Dollar zusammen. Die Citigroup hat zugesagt, Produktionsanlauf und Auslieferung der Geräte zu Sonderkonditionen zu finanzieren.

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