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Wenn das Handy dreimal klingelt

Der mobile Lifestyle treibt seltsame Blüten: Hunde und Kinder können mit dem Handy überwacht werden. Menschen organisieren sich per SMS zu Smart Mobs, demonstrieren und stürzen Regierungen. Wie das Handy unsere Gesellschaft verändert ... wer kein Handy hat, fühlt sich allein.

DARMSTADT. Wohin mit dem Hund, wenn es in den Urlaub geht? Ab ins Hundehotel! Gute Idee, aber was tun, wenn die Sehnsucht zu groß wird? Zumindest die Japaner haben dank der mobilen Technik damit kein Problem mehr. Sie geben ihren Hund in einer Tierpension ab und werden gleich mit einem Videohandy ausgestattet, auf dem sie jederzeit verfolgen können, ob es ihrem Vierbeiner gut geht. Was mobilen Lifestyle angeht, sind Japaner ohnehin die Vorreiter. Besonders Jugendliche erledigen fast alles mobil - Videos sehen, Musik hören, bezahlen und natürlich texten. Die britische Autorin Sadie Plant hat ihnen deshalb schon die Bezeichnung "Thumb Generation" ("Daumengeneration") verpasst. Kommt das, was in Japan passiert, bald auch auf uns zu? Dass die Handynutzung unseren Lebensstil verändert, ist jedenfalls schon jetzt zu spüren.

Der amerikanische Journalist und Sozialwissenschaftler Howard Rheingold hat sich bereits 1993 in einem Bestseller mit der "Virtual Community" beschäftigt, in der wir uns jetzt, zwölf Jahre später, längst befinden. Sein jüngstes Buch "Smart Mobs" dreht sich um ein aktuelles soziales Phänomen - Smart Mobs bringen laut Rheingold die nächste gesellschaftliche Revolution. Beim zehnten deutschen Trendtag am 2. Juni 2005 in Hamburg mit dem Thema "Schwarmintelligenz - Die Macht der smarten Mehrheit" erklärt Rheingold: "Smart Mobs bestehen aus Individuen, die zusammenarbeiten, obwohl sie sich nicht kennen. Sie teilen dieselben Interessen und koordinieren sich über mobile Medien, um kollektiv zu handeln." Die Technologien, die die Leute nutzen, seien nicht neu, aber der Einfluss, den Smart Mobs auf die Gesellschaft ausüben, sei enorm. Durch mobile Kommunikation könne einfacher Wissen ausgetauscht werden, so dass eine Macht entsteht, die Auswirkungen auf Leben, Gesellschaft und Arbeit hat. Als Beispiel dieser "collective action" führt Rheingold den Sturz des Präsidenten Joseph Estrada in Manila im Jahr 2001 an - an vier Tagen hatten mehr als eine Million Phillipinos die Proteste per SMS übers Handy organisiert.

Allerdings ist Schwarmintelligenz nicht nur positiv: Terroristen können sich ebenso per SMS organisieren wie Teenager, die überlegen, auf welche Party sie am Wochenende gehen wollen. Dass Smart Mobs nicht nur Vorteile haben, machte auch Peter Wippermann, Gründer des Hamburger Trendbüros, beim Trendtag deutlich. "Bei der Schwarmintelligenz orientiert man sich immer aneinander. Doch wahre Innovationen entstehen durch individuelle Denkprozesse." Und Norbert Bolz von der TU Berlin ergänzt: "Durch Übernahme statt Nachdenken kann keine Intelligenz entstehen."

Bolz verweist jedoch auf das kreative Potential der mobilen Intelligenz. Für ihn versteht sich jeder im Internet als Reporter ohne redaktionelle Kontrolle. Tatsächlich kann durch das mobile Blogging, kurz "Moblogging", jeder als eine Art "Bürgerreporter" aktiv werden, seine Fotos und Meinungen sofort ins Netz stellen und einem Millionenpublikum zugänglich machen.

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