Am Donnerstag wird das neue Münchener Fußballstadion mit seiner modernen Informationstechnologie getestet
Mit Funkchips in die Allianz-Arena

Skifahrer kennen das: Sie passieren die Drehkreuze an den Liften, ohne die Skipässe aus der Hosentasche ziehen zu müssen. Moderne Funkchips machen den Weg frei. Was in den Skigebieten zum Alltag gehört, hält jetzt auch Einzug in die Fußballstadien.

MÜNCHEN. In der neuen Münchener Allianz-Arena ersetzen Plastikkarten mit integrierten Halbleitern die herkömmlichen Papiertickets. Damit wird nicht nur der Zutritt einfacher und schneller: Mit den Chips sollen die Fans auch Bratwurst und Bier bargeldlos an den Kiosken bezahlen.

Die Funktechnik ist jedoch nur ein kleiner Teil dessen, was an moderner Informationstechnologie in dem bayerischen Vorzeigeprojekt steckt. "Mittelpunkt der Planungen war von Anfang an ein Hochleistungsrechenzentrum", sagt Stefan Leibhard. Der Chef der Münchener Beratungsfirma btd ist verantwortlich für die gesamte IT-Infrastruktur des Stadions, die seine Firma bis 2010 betreiben wird. Das Spektrum reicht dabei von der Parktechnik, den Drehkreuzen am Eingang über die Kassen der Kioske, die Telefonanlage bis zur Stadion-Information.

Das gesamte System muss extrem stabil sein. Das Netzwerk darf ganze sechs Minuten im Jahr ausfallen. So schreibt es der Weltfußballverband Fifa vor. Denn in München finden nächstes Jahr Spiele der Weltmeisterschaft statt. "Es ist nicht einfach, so etwas herzustellen", betont Leibhard. Deshalb gibt es in der Allianz-Arena gleich zwei Rechenzentren: Das eine liegt tief unten in den Katakomben, das zweite hoch oben unter der weißen Stadionhülle. Selbst wenn die Rechner im Keller unter Wasser stünden, würde nichts passieren. Alle Komponenten haben die Techniker zwei Mal installiert, so dass niemand den Ausfall eines Teils spüren würde.

Damit noch nicht genug der Vorkehrungen: Die Telefonanschlüsse müssen zu 99,99 Prozent funktionieren. Das heißt: Die Anlage darf jedes Jahr höchstens 52 Minuten still stehen. Um das zu garantieren, ist die Allianz-Arena über zwei weit entfernt voneinander liegende Vermittlungsstellen mit dem öffentlichen Telefonnetz verbunden. Jedes Telefongespräch läuft dabei übers Internet, das so genannte Voice over IP.

Darüber hinaus lässt sich im ganzen Stadion drahtlos im Internet surfen. Das mag die meisten Fans kalt lassen, kommen sie doch, um Fußballspiele anzuschauen. Für Journalisten mit ihren Notebooks ist es jedoch eine große Erleichterung, weil sie ihre Texte und Fotos versenden können, ohne Kabel auspacken zu müssen. Und Manager können in ihren Logen schnell noch einmal ihre Mails abrufen, bevor eine Partie beginnt. Zudem nutzen Ordner tragbare Lesegeräte, um die Tickets zu überprüfen. Auch dafür sind sie auf das drahtlose Internet angewiesen.

Per Übertragungstechnik WLan werden ferner zahlreiche Daten verschickt: So messen Sensoren die Rasentemperatur und Kameras beobachten die Besucherströme. Sämtliche Informationen werden im Stadion-Informationssystem gesammelt, verarbeitet und verteilt.

Die Hardware dafür kommt von großen Technologiekonzernen wie Siemens und Cisco. Das Zutrittssystem stammt von Skidata, einem österreichischen Spezialisten für Skikarten. Nicht alle Fußballfans werden jedoch von Beginn an Chipkarten in den Händen halten. Weil die Plastikkarten noch deutlich teurer sind als Papiertickets, bekommen sie erst einmal nur Jahreskartenbesitzer. Wer nur eine Tageskarte kauft, muss sich zusätzlich die "Arena-Card" zulegen. Denn nur mit dieser Chipkarte aus Plastik lassen sich Essen und Trinken im Stadion bezahlen. Falls die Preise für Chipkarten fallen, soll jedoch so bald wie möglich ganz auf Plastiktickets umgestellt werden.

Die Programmierung der Karten ist hoch komplex. Denn zwei Vereine teilen sich das Stadion: Der TSV 1860 und Bayern München. Dabei dürfen die Besitzer einer Jahreskarte nur dann ins Stadion, wenn ihr Verein spielt. Doch das ist noch nicht alles. Manche Chipkarten sind gleichzeitig Schlüssel für die Türen. Herkömmliche Schließzylinder gibt es nicht mehr. Nun muss sicher gestellt sein, dass bestimmte Karten nur zu gewissen Zeiten den Zugang zu Bereichen ermöglichen.

Am heutigen Donnerstag wird sich erstmals zeigen, ob die vielen Technologien funktionieren: Um das Stadion zu testen, dürfen 30 000 Zuschauer eine Partie zweier Traditionsmannschaften des TSV 1860 und von Bayern München begleiten.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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