Ausbau des betrieblichen Vorschlagswesens drückt die Kosten des Chipkonzerns um 150 Millionen Euro
Infineon profitiert von Mitarbeiter-Ideen

Der neue Infineon-Chef Wolfgang Ziebart fährt seit seinem Amtsantritt vor einem halben Jahr einen strikten Sparkurs: Werke werden geschlossen, Unternehmensteile verkauft. Doch Ziebarts Fitnessprogramm für den verlustreichen Halbleiterhersteller hat auch eine kreative Seite: Durch Verbesserungsvorschläge der Mitarbeiter haben die Münchener die Kosten im letzten Geschäftsjahr um 146 Mill. Euro gesenkt.

MÜNCHEN. Damit hat der Konzern durch sein Ideenmanagement gut 40 Prozent mehr eingespart als im Jahr zuvor. „Wir schöpfen die Potenziale jetzt konsequenter aus als früher“, begründet Jürgen Mundt die Steigerung. Der Infineon-Manager ist verantwortliche für das YIP (Your Idea Pays) genannte Programm, an dem sich im abgelaufenen Geschäftsjahr 03/04 rund ein Drittel der etwa 36 000 Mitarbeiter weltweit beteiligt haben.

Die Verbesserungsvorschläge der Beschäftigten sind für Infineon überlebenswichtig. „In unserer Branche müssen sie einfach innovativ sein“, sagt Personalchef Thomas Marquardt. Um im harten Preiswettbewerb der Chipindustrie mithalten zu können, müsse Infineon seine Kosten beim gegenwärtigen Umsatzniveau von über sieben Mrd. Euro jedes Jahr um rund 1,5 Mrd. Euro senken, sagt Mundt. Zehn Prozent davon soll YIP beitragen.

Die Einsparsumme aus den Mitarbeitervorschlägen kann durchaus über Gewinn oder Verlust des viertgrößten Chipherstellers der Welt entscheiden: Im vergangenen Geschäftsjahr lag der Konzernüberschuss bei lediglich 61 Mill. Euro. Durch stark fallende Preise für Speicherchips steht Infineon auch derzeit kräftig unter Druck, die Kosten zu senken. Die im Preis stark schwankenden Speicherchips sind der wichtigste Umsatzbringer.

Jeder Mitarbeiter des Konzerns ist deshalb angehalten, Verbesserungsvorschläge einzubringen. Werden die Ideen angenommen und umgesetzt, schüttet das Unternehmen bis zu 150 000 Euro Prämie pro Vorschlag aus. Wie hoch die Bonifikation ausfällt, richtet sich nach einem Punktesystem, dem unter anderem die voraussichtliche Einsparsumme zu Grunde liegt. Mundt: „Wir belohnen nicht die Idee an sich, sondern das Ergebnis.“ Damit die Mitarbeiter zusammen und nicht gegeneinander arbeiten, werden Gruppenvorschläge höher honoriert. Und um das Wissen im Konzern zu verbreiten, sind die Ideen weltweit über eine Datenbank zugänglich.

Mit seinem Vorschlagswesen liegt Infineon im Vergleich mit anderen deutschen Großunternehmen ganz vorne. Vergangenes Jahr erreichten die Bayern in der Rangliste des Deutschen Instituts für Betriebswirtschaft den ersten Platz. In der Klasse der Konzerne übertrumpfte Infineon sogar die frühere Mutter Siemens, unter der das Vorgängerprogramm von YIP begonnen hatte.

Mit der jetzigen Sparsumme will sich Infineon nicht zufrieden geben. Denn noch würden sich die einzelnen Standorte ganz unterschiedlich an YIP beteiligen, sagt Ideen-Manager Mundt. Interner Spitzenreiter ist die Fabrik im österreichischen Villach, wo Infineon Chips für die Autoindustrie produziert. 60 Prozent der Mitarbeiter haben dort im vergangenen Geschäftsjahr Vorschläge zum besseren Arbeitsablauf gemacht und dadurch die Kosten um 37 Mill. Euro gedrückt. Mundt: „Wenn alle Standorte so gut werden wie Villach, können wir noch viel mehr erreichen.“ 150 Mill. Euro sollen deshalb in diesem Geschäftsjahr in jedem Fall eingespart werden. Dabei hilft, dass die Vorschläge immer besser würden, je öfter sich die Leute an dem Programm beteiligen.

Dass die derzeit anstehenden Entlassungen die Kreativität bremsen könnten, glaubt Personalchef Marquardt nicht. In Berlin und in München fallen in nächster Zeit mehrere hundert Stellen weg. Zudem hat Infineon-Chef Ziebart mehrfach angekündigt, einige unprofitable Teilbereiche auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls zu schließen oder abzustoßen.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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