Besessen oder neugierig?
Mit der App zur Selbstüberwachung

Apps und andere technische Tools sind inzwischen so ausgereift, dass sie bei der Lebensführung helfen können. Ob Anreize zur Gewichtsabnahme oder die Überwachung von Schlafgewohnheiten - alles wird geboten.
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WashingtonFrüher war da nur ein vages Gefühl: Ich erledige mehr im Haushalt als mein Ehepartner. Bestimmte Aufgaben bei der Arbeit treiben meinen Blutdruck in die Höhe. Mir scheint, ich muss öfter niesen. Und sind wirklich die Kohlehydrate dafür verantwortlich, dass ich nach dem Mittagessen so müde bin? Inzwischen lässt sich all das überprüfen, denn es gibt Apps oder andere technische Spielereien dafür. Fast alles, was wir tun, kann so aufgezeichnet und analysiert werden.

Und viele Menschen zeigen sich experimentierfreudig: Sie überwachen ihren Schlaf, die Lerngewohnheiten ihrer Kinder, die Haushaltsarbeit oder sogar, ob ein Baby häufiger an der linken Brust der Mutter saugt als an der rechten. „Ich weiß nicht, ob ich das Wort 'besessen' verwenden würde“, sagt Ernesto Ramirez, der vergangene Woche eine zweitägige Konferenz zum Thema in San Francisco mitorganisierte. Auch er gehört zur Gruppe derer, die sich selbst mit technischen Mitteln genau unter die Lupe nehmen. „Ich glaube, es gibt in der Welt einen allgemeinen Trend hin zur Neugier, dahin, zu beweisen, dass man über sich selbst Bescheid weiß.“

Zu den Rednern bei früheren derartigen Konferenzen zählte ein Mann, der mit einer eigenen App überprüfen wollte, ob er jede einzelne Straße in Manhattan ablaufen kann. Und ein Vater nutzte ein Tool um zu erfassen, ob seine Kinder die ihnen aufgegebenen Aufgaben im Haushalt erledigten.

Als Tim Davis aus dem US-Staat Pennsylvania vor zwei Jahren auf die Waage stieg und sie ihm ein Gewicht von 144 Kilogramm anzeigte, kaufte er einen Aktivitäts- Tracker und eine App für sein Mobiltelefon, um seine Kalorien zu zählen. Er besorgte sich eine WLAN-fähige Waage, die sein aktuelles Gewicht täglich auf Twitter postete und nutzte andere Apps, um seinen Blutdruck, seine Pulsrate, seine tägliche Stimmungslage und seine Medikamenteneinnahme im Blick zu behalten.

Irgendwann nutzte er 15 verschiedene Apps und Tools, die ihm geholfen hätten, innerhalb eines Jahres 29 Kilogramm abzunehmen, sagt Davis. „Es sind die Veränderungen im Sekundentakt, im Minutentakt, die entscheidend waren“, erklärt der 39-Jährige. „Wenn man der Typ ist, der technische Spielereien und Apparate mag und gerne Zahlen sammelt, ist man auch der Typ, der keine Lücken im Datenmaterial mag.“

Die Kinderärztin Natasha Burgert aus Kansas City berichtet, dass Apps, die die Ess- und Schlafgewohnheiten von Neugeborenen aufzeichnen, seit einiger Zeit extrem beliebt seien. Sie selbst ermuntere Eltern sogar, ihr die Daten vor einem Termin in ihrer Praxis zu übermitteln. „In den ersten Wochen sind die Eltern so müde. Es ist wirklich schwierig für sie, dir objektive Daten zu nennen.“

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Spiele sind noch am beliebtesten

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