Bücher zum World Wide Web
Verführung aus dem Netz

Das World Wide Web gilt seit 20 Jahren als Segen für die Zivilisation. Jetzt ist Verzicht auf einmal schick. Gleich mehrere Autoren versuchen zu beschreiben, wie das Internet und das permanente Online-Sein unser Denken verändert. Sie stellen die uralte Frage: Beherrschen wir die Technik, oder beherrscht die Technik uns?
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BERLIN. Als sich Jonathan Franzen anschickte, seinen neuen Roman zu schreiben, begab er sich in Unfreiheit. In seinem Laptop legte er die Basisstation „Airport Express“ lahm und klinkte sich aus dem Internet aus. Dann schleppte er das Gerät in einen fensterlosen Raum. So begann die Arbeit an seinem Bestseller „Freiheit“.

Franzen hatte bemerkt, dass er sich den unendlich erleichterten Kommunikationsmöglichkeiten des Internets nicht aussetzen durfte, wollte er sein Werk bewältigen.

Karl Marx und Friedrich Engels waren die Ersten, die 1848 um die Macht der Kommunikation wussten. Damals war nicht das World Wide Web die Verkehrsform der Zeit, sondern der Handel. Sie prophezeiten, dass die Bourgeoisie „mit unendlich erleichterten Kommunikationen auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation reißen“ werde. Die beiden dachten bereits über das „globale Dorf“ (Marshall McLuhan) nach, als kein Mensch ahnte, dass das Internet nicht nur eine naive Technikfröhlichkeit in der neuen Welt auslösen würde, sondern tatsächlich die Utopie eines global-digitalen Dorfes.

So wie sich Franzen auf Entzug setzen musste, um zur Schrift zu kommen, geht es vielen Internet-Nutzern, die sich ständig in der Aufmerksamkeitsfalle der unendlich erleichterten Kommunikation drehen. Auch Nicholas Carr musste erst durch das Säurebad der Abgeschiedenheit steigen, um sein von der Kritik hochgelobtes Buch schreiben zu können, das jetzt auf Deutsch mit einem umständlichen Titel erschienen ist: „Wer bin ich, wenn ich online bin, und was macht mein Gehirn so lange?“ Aufklärung bringt der Untertitel: „Wie das Internet unser Denken verändert“.

Carr hat 2008 mit seinem Essay „Is Google making us stupid?“ die große Debatte über die Auswirkungen des permanenten Online-Seins erst richtig befeuert. Für sein Buch hat er die neuesten Studien der Kommunikationswissenschaften und der kognitiven Hirnforschung durchgesehen und verständlich beschrieben. „Die digitale Gesellschaft kann sich nicht konzentrieren“, schreibt er. „Weil Netzbewohner ständig mit neuen Informationen überhäuft werden, gelangen Informationen nicht mehr ins Langzeitgedächtnis.“

Durch die Lektüre wird sein Verdacht bestätigt: Das menschliche Gehirn verändert sich auffällig schnell, der intensive Internetgebrauch kodiert die Zellen um. Das kurzatmige Denken auf der Oberfläche des „screens“ schafft ein großes, aber schnell verendendes Arbeitsgedächtnis, zerstört so die Kontemplation, das Nach-Denken.

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