Bundestrojaner
Achtung! Dilettanten am Werk!

Der Bundestrojaner ist eine Katastrophe. Und das nicht nur, weil die staatseigene Schadsoftware verfassungswidrig ist - sondern jeder drittklassige Online-Shop sicherer ist als das Schnüffelprogramm. Ein Kommentar.
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Der Computer ist heute Tagebuch, Notizblock, Bankschalter, Briefkasten und Telefon in einem. Die auf unseren digitalen Lebensmittelpunkt gespeicherten Daten entlarven sexuelle Präferenzen, Einkommen und intimste Gedanken. Es ist daher kein Wunder, dass das Bundesverfassungsgericht dem Begehren des Staates, in diesen Intimbereich aus Straferfolgszwecken einzudringen, sehr enge Grenzen aufzeigte. 

Die Analyse von Schadsoftware des Chaos Computer Clubs, die mit hoher Wahrscheinlichkeit von staatlichen Stellen eingesetzt wurde, zeigt, dass diese Grenzen bewusst missachtet wurden: Der Trojaner ermöglicht weit mehr, als verschlüsselte Internet-Telefongespräche abzuhören – das letzte Schlupfloch für staatliche Überwachung auf dem PC, welches das Bundesverfassungsgericht den Strafverfolgern zubilligt. Über den Trojaner lässt sich beliebiger Code auf dem PC ausführen, über Screenshots lässt sich jeder Schritt des Benutzers überwachen.

Allerdings offenbart die Analyse nicht nur eine offensichtlich niedrige Achtung vor der Verfassung und des höchsten deutschen Gerichts. Sie zeigt darüber hinaus technische Inkompetenz in einem Ausmaß, das sich selbst die größten Kritiker des „Bundestrojaners“ wohl nicht ausgemalt hätten.

Die Daten jedes drittklassigen Online-Shops werden bei der Übertragung besser gesichert, als die vom Staats-Trojaner gesammelten Beweismittel. Statt echter Verschlüsselung kommt nur eine stümperhaft umgesetzte Verschleierung der Daten zum Einsatz. Die forensische Beweiskraft von auf diese Art gesammelter Dokumente ist mehr als zweifelhaft. Und als wäre das nicht genug, laufen die Datenströme auch noch um die halbe Welt über einen Server in den USA.

Kommentare zu " Bundestrojaner: Achtung! Dilettanten am Werk!"

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  • Und wenn ich es richtig verstanden habe, hat das BVG das profilaktische Installieren des Bundestrojaners auf dem Bürger PC sowie das "einfache" Eindringen nebst Mailausspähung aber akzeptiert.
    Wohnungsdurchsuchungen, Eingriffe ins Briefgeheimnis, Telefonüberwachung usw. waren meines Wissens nach bislang enge Grenzen gesetzt, und es waren richterliche Beschlüsse notwendig.

    Oder vielleicht ist das jetzt eine neue Linie des BVG ?
    Wie war das noch mit der Kontoabfrage ? Liegt die nicht auch einfach im Ermessen des jeweiliogen Sachbearbieters ?
    Wir freuen uns schon auf die elektronische Gesundheitskarte.

  • Na ja, gestern hieß dieser Artikel noch "Der Staat ist technisch gefährlich inkompetent" (http://www.handelsblatt.com/technologie/it-tk/it-internet/der-staat-ist-technisch-gefaehrlich-inkompetent/4734438.html) wer hat da wohl eingegriffen?

    Diese Vorgehensweise scheint bei uns ja jetzt Schule zu machen...
    http://www.mmnews.de/index.php/wirtschaft/6802-transferunion-welt-zensiert-artikel

  • "beliebiger Code Ausführen" bedeutet auch, dass man damit in der Lage wäre irgendwleche Bombenbauanleitungen oder anders verbotenes Material auf den Computer zu bringen oder den Computer ferngesteuert auf verbotenen Seiten surfen lassen. Damit könnte die Polizei leicht jedem kritischen Journalisten, Richter oder Parlamentarier beschuldigen. Das Rechtsstaatsprinzip der Gewaltenteiöung wird so untergraben.

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