„Ceatec“ in Tokio
Messe der leisen Töne

Der Golfschläger trifft auf den Ball mit solcher Wucht, dass die kleine weiße Kugel für Bruchteile einer Sekunde zusammengedrückt wird, als wäre sie aus Gelatine. Dann tritt sie mit ungeheurer Geschwindigkeit ihren Flug über das Green an, eine Fontäne zerfetzter Grashalme hinter sich lassend.

HB TOKIO. Zu sehen ist das Spektakel Bildschirm füllend und in Zeitlupe auf der High-Tech-Messe „Ceatec“ in Tokio, die noch bis zum 8. Oktober läuft. Aufgenommen mit einer Spezialkamera, die theoretisch bis zu einer Millionen Bilder pro Sekunde schießen kann.

Forscher Funiyasu Suginoshita ist sichtlich stolz auf die neue Wunderkamera. Bislang waren 10 000 Bilder pro Sekunde die Messlatte. Der Senior Engineer in den traditionsreichen Science & Technical Research Laboratories des staatlichen Fernsehsenders NHK forscht an den Entwicklungen und der Technik des Fernsehens der kommenden Jahrzehnte.

Eines der neuesten Entwicklungen ist das Katastrophenwarnsystem per Handy-TV. Das Experimentalsystem der NHK-Laboratorien schaltet selbsttätig alle Mobiletelefone, die nicht komplett abgestellt sind, auf Sendung, wenn die Bevölkerung schnellstmöglich vor Taifunen, Erdbeben oder sonstigen Katastrophen gewarnt werden soll. Ob die japanische Regierung diese Forschung angeordnet hat? „Nicht direkt“, sagt der freundliche Herr mit dem schütteren Haar diplomatisch, aber man „erwarte schon, dass wir das machen“.

Das größte Problem sei noch die Stromversorgung der Mobiltelefone, damit diese auch immer auf Empfang sein können. Wie die Lösung aussehen könnte, kann sich der Besucher wenige Stände weiter beim Elektronikkonzern Toshiba anschauen. Dort wird – quasi nebenbei und unauffällig zwischen HD-DVD-Rekordern und Flachfernsehern – der erste MP3-Musikspieler mit einer Brennstoffzelle gezeigt. Bis zu 60 Stunden soll eine Füllung reichen, das Handy könnte 600 Stunden in Bereitschaft bleiben.

Die Tokioter Ceatec ist im Gegensatz zu publikumswirksamen Messen wie die Funkausstellung in Berlin oder die Cebit in Hannover weniger eine Messe der großen Showeffekte und der lauten Töne. Selbst Giganten wie Sony oder Panasonic haben hier nur verhältnismäßig kleine Messestände.

Dafür gibt es viele kleine Entwicklungen mit großem Potenzial. So wie die Brennstoffzellen, die noch eher ihren Weg in die winzigen Mobiltelefone finden dürften als in große Autos.

Denn in der neuen „ubiquitous“, also überall verfügbaren, digitalen Welt, von der hier immer die Rede ist, wird der leere Akku zur wahren Energiekrise. Die mobilen Begleiter sind aus dem Leben der Japaner längst nicht mehr wegzudenken. Telefone gewähren Zugang zur U-Bahn, zeigen Fahrpläne an oder kaufen das Zugticket. Rund zwölf Mrd. Dollar setzt alleine die Shinkansen-Linie Tokio - Osaka im Jahr um, sagt Gerhard Fasol von der Tokioter Consultingfirma Eurotechnology. Und fast eine halbe Milliarde davon wird bereits durch mobilen Fahrkartenverkauf erzielt. Das dürfte mehr Umsatz sein, als der gesamte Handel per Mobiltelefone in Europa ausmacht.

Und während einige Experten noch über die Einführung von hochauflösendem Fernsehen mit 1 080 Bildzeilen diskutieren, arbeiten die NHK-Forscher schon am Zukunftsfernsehen der Zukunft: In zwanzig Jahren, wenn die NHK-Laboratorien ihr 100-jähriges Bestehen feiern, werden wir Fernseher mit 4 000 Bildzeilen haben, ist Wissenschaftler Suginoshita sicher. Schon jetzt werde kräftig daran gearbeitet. Das wäre das passende Jubiläumsgeschenk, meint er.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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