Cebit
Herrschaft der Grauen

1989, 1999, 2009: IT und Internet fanden auf der Cebit nie zusammen. Halbherzig unternimmt die Messe einen letzten Versöhnungsversuch zwischen Anzug- und Turnschuhträgern. Doch die WWW-Welt fremdelt.

HANNOVER. Dinah Kaplan verschwindet hinter dem Rednerpult, das grelle Weiß der Bühnendeko lässt ihre Umrisse verschwimmen. Tapfer redet die zierliche Amerikanerin gegen den Lärm am Stand der Deutschen Telekom in Halle 26 an. Kaplan predigt, wie sehr sich die Film- und Fernsehlandschaft durch das Internet verändere. Welche neuen Möglichkeiten das alles biete! Auf den Zuhörerbänken vor ihr ist noch reichlich Platz.

Kaplan ist Chefin des Online-Videovermarkters Blip TV. Und als Internetunternehmerin ist sie hier auf der Cebit in Hannover nolens volens Teil eines sozioökonomischen Experiments. Oder, je nachdem, wie man es nimmt, eines letzten Versuchs: Lassen sich WWW-Welt und ihre Firmen doch noch auf die größte IT-Messe der Welt holen, oder ist das Zusammenwachsen endgültig gescheitert?

Zwei Welten sind da entstanden, sie brauchen einander - doch auf der Cebit wurden sie nie warm miteinander. Einerseits große IT-Konzerne wie die Telekom oder IBM, andererseits die Schar der Internetaffinen. Wer die virtuelle Mauer zwischen den zwei Welten des digitalen Geschäfts besichtigen will, stellt sich an den Rand der sogenannten "Webciety". Da hetzen auf der einen Seite Grauanzugträger mit Aktenkoffern vorbei, während auf der anderen Seite Turnschuh- und Segeltaschenträger über die Zukunft des Web debattieren. Man ignoriert einander, so gut es eben geht.

Dabei sollte das gerade die "Webciety" in Halle 6 ändern, ein Biotop mit wabenförmigen, 15 Quadratmeter kleinen Einheitsständen, einer Menge Gänge und viel Enge. Die kosten je nur 9900 Euro Miete und sollten die Internetgemeinde anlocken. "So etwas haben wir noch nie gemacht", heißt es stolz bei den Cebit-Machern, "wir werfen einen Stein ins Wasser."

Wie hoch die Wellen sind, die er erzeugt, könnte darüber entscheiden, welche Zukunft die Traditionsmesse noch hat. "Dies ist die vielleicht wichtigste Cebit", sagt Microsofts Deutschland-Chef Achim Berg.

Wie es so weit kommen konnte, verdeutlicht ein Blick zurück im Zehnjahresrhythmus, zur Cebit 1989 und 1999.

Vor 20 Jahren riecht es nach Aufbruch in Hannover: 1989 steht die Mauer noch, doch im Osten Europas rumort es, der Privatsender Pro Sieben geht erstmals auf den Bildschirm. Und auch für Jürgen Gocke ist es ein Jahr des Neustarts. Der Ex-Pressesprecher von Ericsson und Comparex ist dabei, seine eigene PR-Agentur zu gründen.

Die Cebit kennt er bestens, noch aus der Zeit, da sie "Centrum der Büro- und Informationstechnik" hieß und nur ein Teil der viel größeren Industriemesse war. 1970 war sie gestartet in der neuen Halle 1, der größten und modernsten Messehalle der Welt. 1986 löst sie sich aus dem Mutterbauch und darf allein auftreten. Gocke, der schon als Student herkam, um Elektroteile zu besorgen, kommt 1989 skeptisch her: "Für mich gehörten Komponenten einfach dazu." Andererseits: "Was interessierten mich auf der Hannover Messe Lokomotiven?" sagt er heute.

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