Cebit-Motto Shareconomy: Ich will nicht teilen!

Cebit-Motto Shareconomy
Ich will nicht teilen!

Die Technologie-Branche ruft auf der Cebit die „Shareconomy“ aus und propagiert das Teilen übers Internet. Über Schwierigkeiten redet sie dabei aber nicht – und auch nicht über die Lust am eigenen Besitz. Ein Kommentar.
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HannoverBitkom-Präsident Dieter Kempf selbst hat noch so seine Zweifel. Menschen seines Geburtsjahrgangs, meinte der 60-Jährige, hätten es nicht so mit dem Teilen im Internet. Doch davon ließ er sich nicht weiter irritieren und verkündete zum Auftakt der Cebit: „Wir wechseln von einer Welt des Besitzens in eine Welt des Teilens.“

Hätte Kempf doch mehr auf sein Bauchgefühl gehört! Denn das Messemotto „Shareconomy“, das diesen Trend auf den Punkt bringen soll, lässt nicht nur für ihn viele Fragen offen.

Zum einen krankt es daran, dass es so schwammig ist. Der Technologie-Branchenverband Bitkom fasst unter dem Kunstbegriff Shareconomy etliche sehr unterschiedliche Dinge zusammen: das Teilen von digitalen Inhalten wie Texten, Fotos und Musik, die gemeinsame Nutzung physischer Güter, außerdem die Beteiligung an kommerziellen, kulturellen oder sozialen Projekten über das Internet.

Wer seinen Freunden bei Facebook Urlaubsfotos zeigt, ist nach Lesart des Verbandes damit genauso Teil des proklamierten Trends wie jemand, der bei Airbnb ein Zimmer vermietet oder bei Kickstarter für ein soziales Projekte Geld spendet. Auch das Cloud Computing (selbst schon mal ein – gelungenes – Leitthema der Messe), bei dem Nutzer oder Firmen beispielsweise ihre Dokumente oder Fotos online lagern, zählt der Bitkom dazu. Dabei geht es hier nicht um eine Kultur des Teilens, sondern lediglich eine effiziente Speicherung von Daten.

Weil überall irgendetwas geteilt wird, springen zahlreiche Cebit-Aussteller auf den Trend auf. Wir sind alle Shareconomy! Das lenkt jedoch den Blick ab von der eigentlichen Ökonomie des Teilens – nämlich Portalen wie Airbnb, Carzapp oder WhyOwnIt, über die Nutzer Wohnraum, Autos oder Werkzeuge zur Verfügung stellen. Im Netz-Sprech hat sich dafür der Begriff kollaborativer Konsum eingebürgert.

Kommentare zu " Cebit-Motto Shareconomy: Ich will nicht teilen!"

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  • Es ist schade, dass hier der Trend des geteilten Konsums so negative gesehen wird. Natürlich gibt es immer noch genug Menschen, die unbedingt ihr Auto brauchen um zu zeigen wer sie sind. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass in der Stadt ein Millieu an gut gebildeten und jungen Menschen heran wächst, die sowohl Flexibilität als auch Nachhaltigkeit über den bloßen Spaß am Besitzen stellen. Ob sich das durchsetzen wird oder nur eine Erweiterung des Kundenspektrums darstellt, wird sind in der Tat zeigen.
    Doch gerade das Argument mit der Bohrmaschine zeigt, dass der Autor anscheinend den "aufgedrückten Trend" nicht so recht verinnerlicht hat. Wohnungs-Leihen sind in der Tat mit Risiken verbinden, aber das ist das Vermieter von Eigentumswohnungen auch. Und das Kaufen einer Bohrmaschine (samt Weg zum Baumarkt und Recherche wegen der vielen Modelle) ist durchaus um einiges aufwendiger als mal schnell eine auszuleihen. Dass der Profihandwerker das nciht machen wird, ist klar. Aber es gibt genügend Nachbarn für die eine Bohrmaschine halt einfach nur ein Gebrauchsgegenstand ist. Von denen kann man dann beispielsweise auf www.wir.de mit zwei Klicks eine Maschine ausleihen. Leichter geht es doch wohl nicht?

    Und was gibt es besseres für junge Menschen, für 2 Millionen Studenten oder für Geringverdiener, als ein Auto zu leihen, wenn man es mal schnell braucht, statt ein teures Auto zu unterhalten? Dafür bieten Tamya und Nachbarschaftsauto einen riesen Mehrwert. Ich finde schade, dass dieser Artikel hier doch sehr einseitig geschrieben ist und damit nicht besser als jene, die er kritisiert.


  • Ach Gottchen,hier sehen ja schon einige den Gulag am Horizont,weil jemand anregt,etwas zu teilen,anstatt es als Statussymbol sein eigen zu nennen.
    Das sagt mehr über diese Gesellschaft,als einem lieb sein kann.
    Wenn ich mich nicht mehr vom "Nichtstuer" beweiskräftig absetzten kann,dann macht das ganze Leben keinen Spaß mehr.Aber keine Angst,das Teilen kommt nur für Menschen in Frage,die sich Besitz nicht leisten können oder wollen.
    Alle anderen können gerne auf ihrem Besitz,wie die Glucke auf dem Ei,sitzen bleiben.

  • Lieber Christof Kerkmann,

    Ihr Artikel ist ein Lichtblick! Die meisten Berichte über die Cebit haben den Marketing-Köder der Messe und Firmen über "Shareconomy" ohne zu zögern geschluckt und den "neuen" Trend hochleben lassen.

    Tatsächlich wird Teilen und Tauschen allein keine nachhaltige Gesellschaft bewirken. Unser wachstumsorientiertes Wirtschaftssystem braucht das Kaufen genau so wie das Wegwerfen. Und unsere Köpfe brauchen Besitz, Status und Konsum genau so sehr. Am Ende war die Cebit eine große Werbeveranstaltung, bunt, laut und umsatzfördernd.

    Dennoch gibt es einen Bedarf an Tauschhandel. Und zwar in Nischen, wo es für Hightech-Konzerne nicht viel zu verdienen gibt. In Online-Tauschbörsen wie der unseren oder in lokalen Tauschringen, die es seit zig Jahren in fast jeder Stadt gibt.

    Gruß
    Tobias Sasse
    Tauschbörse Bambali
    www.bambali.net

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