„Industrie 4.0“
Streit über das Tempo der Digitalisierung

Deutsche Firmen drohen wegen von Sicherheitsbedenken den Anschluss zu verpassen. Besonders der NSA-Skandal könnte innovationshemmend sein. Experten sind sich sicher: „Wer nicht digitalisiert, ist weg vom Fenster.“
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HannoverIn der IT-Industrie wächst die Befürchtung, dass Deutschland aus Sorge um die Sicherheit den Anschluss bei dem Zukunftsthema „Industrie 4.0“ verpasst. „Wir müssen aufpassen, dass wir die Chancen, die unsere Industrie hier hat, nicht in der Debatte über den NSA-Skandal ertränken“, sagte Karl-Heinz Streibich, der Chef der Software AG, am Rande der Computermesse Cebit in Hannover.

Unter „Industrie 4.0“ wird die Digitalisierung des gesamten Lebenszyklus eines Produkts verstanden. Das umfasst die Zulieferer, die Fertigung, die Produkte selbst, aber auch etwa Services, die man dem Nutzer bietet. „Der Röntgenapparat der Zukunft analysiert auch die Bilddatenbank und macht Vorschläge, was uns der aktuelle Befund sagt“, erklärt Frank Riemensperger, Deutschland-Chef der Beratungsgesellschaft Accenture.

Nach einer aktuellen Umfrage des IT-Branchenverbands Bitkom hat mittlerweile fast jedes vierte IT-Unternehmen Lösungen aus dem Bereich „Industrie 4.0“ im Angebot. Vor einem Jahr seien es erst halb so viele Firmen gewesen, hieß es. Doch hinter vorgehaltener Hand klagen viele IT-Manager, dass der Elan der Industrie deutlich größer sein müsste. Dass Google den Thermostathersteller Nest kaufe, zeige, dass die Zeit dränge.

„Wer nicht digitalisiert, ist weg vom Fenster“, mahnt Reinhard Clemens, Vorstandschef der Telekom-Tochter T-Systems. Doch die Manager der Industrie warnen vor übertriebener Hektik. Sicher sei richtig, dass, wer nicht sinnvoll digitalisiere, weg vom Fenster sei, sagt Thomas Endres, der Vorsitzende des Präsidiums des IT-Anwenderverbands Voice: „Richtig ist aber auch: Wer sein Geschäft sinnlos digitalisiert, ist ebenso weg vom Fenster.“ Die Unternehmen müssten sich die Zeit nehmen, das richtige Modell zu finden.

Ohne Digitalisierung wird nach Ansicht von Streibich allerdings keine Branche auf Dauer überleben. Das gelte im Übrigen auch für die eigene Branche. „Die gesamte IT-Industrie steht vor der Herausforderung, dass ihr bisheriges Geschäft zur Legacy wird, also zum schrumpfenden Altgeschäft“, mahnt er. Viele IT-Unternehmen hätten die eigene Digitalisierung ihres Angebots etwa in Richtung mobile Anwendungen aber gerade erst begonnen. Dabei dränge auch hier die Zeit: „Das ist die Energiewende unserer Branche“, warnt der Manager mit Blick auf die Krise bei den Energiekonzernen, die vom Umbruch überrollt wurden.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt

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  • Weniger ist manchmal mehr. Was nützt eine schöne Unternehmensanbindung ans Internet, wenn die NSA Forschungsergebnisse und Wirtschaftsdaten des Unternehmens ausspioniert und an die betreffenden US-Konzerne weiterleitet.
    Man darf nicht vergessen, dies ist ein wesentlicher Auftrag des US-Geheimdienstes: Wirtschaftsspionage für die US-Konzerne. Entsprechend Fälle gab es schon, allerdings durfte dies aus Propagandagründen bisher nicht thematisiert werden. Seit Snowden muß unsere Marionettenregierung her mehr Offenheit zulassen.

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