Telekom-Chef Höttges: „Kein Spielball der Digitalisierung“

Essay von Timotheus Höttges
„Wir sind kein Spielball der Digitalisierung“

Telekom-Chef Timotheus Höttges plädiert in einem Handelsblatt-Essay für Optimismus im Umgang mit neuen Technologien. Probleme können zwar nicht wegdigitalisiert werden. Doch nie ging es uns so gut wie heute.
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Die Lust am Untergang hat in der öffentlichen Debatte großen Raum. Gerade auch beim Thema Digitalisierung. Das Internet wurde schon als „Wüste“ (Clifford Stoll) bezeichnet, in dem die „Stunde der Stümper“ (Andrew Keen) geschlagen habe. Die einen sagen, es sei kaputt (Sascha Lobo), während andere „Big Data“ immer noch als „Massenvernichtungswaffe“ (Cathy O’Neill) sehen. Die alte Weisheit, dass nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind, hat den Nachteil, dass nicht nur Panik verbreitet wird, sondern irgendwann auch Panik herrscht.

Angst vor Robotern, die einem die Arbeit wegnehmen. Angst vor Ausspähung. Angst vor Überforderung durch ständige Erreichbarkeit. Alles da. Alles berechtigt.

Aber daneben gibt es auch die andere Wahrheit: Wir leben in der besten aller Gegenwarten. Nie waren wir so reich wir heute. Nie so gesund. Wir werden älter als jede Generation vor uns. Mehr Kinder besuchen Schulen. Mehr Menschen können lesen und schreiben. Wir können friedlich Grenzen überschreiten und sehen dadurch so viel von der Welt wie keine Generation vor uns. Nie zuvor war es so leicht, sich mit anderen Menschen zu verbinden. Wir kommunizieren über Smartphones, und wir können über sogenannte Virtual-Reality-Brillen ohne Reisen Orte besuchen, die weit von uns entfernt sind. Auch in der Arbeitswelt hat sich viel zum Guten entwickelt. Mein „Vati“ gehörte samstags nicht mir, sondern der Firma. Heute haben wir die Produktivität deutlich gesteigert und die Arbeitszeit verkürzt. Viele körperlich anstrengende und krank machende Arbeiten haben uns Maschinen abgenommen.

Nie zuvor ging es uns also so gut. Und das verdanken wir technischem und zivilisatorischem Fortschritt. Aber diese Tatsche wird viel zu selten offen ausgesprochen. Als habe man die Sorge, bei jedem Glück warte das nächste Unglück schon um die Ecke. Dabei müssen wir aufpassen, dass wir nicht vergessen, uns zu freuen und wertzuschätzen, was wir haben. Oder ganz simpel: zu leben.

Meine „guten Nachrichten“ sind empirisch belegbar. Der Politikwissenschaftler Johan Norberg hat mit „Progress“ sogar ein ganzes Buch darüber geschrieben. Aber Statistiken helfen natürlich denen nicht weiter, denen es auch bei uns in Europa nicht gutgeht. Die arbeitslos sind oder in prekärer Beschäftigung, wie leider auch viele junge Menschen. Oder die, die sich durch ständige Anpassung an eine sich immer schneller wandelnde Gesellschaft überfordert fühlen. Diese Menschen dürfen wir natürlich nicht aus dem Blick verlieren. Im Gegenteil.

Die Digitalisierung nicht überhöhen

Das Versprechen der Sozialen Marktwirtschaft, „Wohlstand für alle“ zu schaffen, muss auch in der digitalen Wirtschaft eingelöst werden. Dazu gehört aber die Erkenntnis, dass Wohlstand eben nicht durch Abschottung und Abkopplung von technischem Fortschritt erreicht werden kann. Ganz im Gegenteil!

Deutschland ist das Paradebeispiel. Unsere Wirtschaft ist global vernetzt. Und genau das macht unseren Erfolg aus. Unsere Arme müssen darum offen sein. Dazu passt auch das Motto der Telekom: „Life is for sharing“. Genau so handeln wir. Unsere Netze machen nicht Halt an Landesgrenzen. Sondern sie verbinden Menschen und Unternehmen und immer mehr Geräte des „Internets der Dinge“ über Grenzen hinweg.
Was können wir also tun, um mehr Offenheit zu erreichen, auch beim Thema Digitalisierung?

Vielleicht ist es ein erster Schritt, die Digitalisierung nicht zu überhöhen, sondern nüchtern zu sehen. Digitalisierung wird heute als Beschreibung der Folgen von Computerisierung und elektronischen Netzwerken verwandt. Aber es handelt sich im Kern um ein wesentlich älteres Prinzip der Verwendung von Codes und Zeichen. So gesehen ist das erfolgreichste Projekt der Digitalisierung in unserem Kulturkreis die Erfindung und Nutzung des griechischen Alphabets. Es wurde zunächst durch die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg und später durch das World Wide Web erheblich dynamisiert. Wir müssen also lernen, Digitalisierung als historische Evolution zu begreifen, nicht als Revolution. Und in diesem Sinne auch zukünftige Entwicklungen in den Blick nehmen. Quantencomputing, Biocomputing und Nanotechnologien werden noch ganz andere Datengeschwindigkeiten und Verarbeitungskapazitäten mit sich bringen.

Unseren heutigen technologischen Zustand vergleichen einige Experten bereits rückblickend mit der Situation im 19. und frühen 20. Jahrhundert, als die Dampfmaschine die Industrialisierung in Gang brachte und elektrische Systeme die Beleuchtung mit Kerzen und Gaslaternen ersetzte und uns dadurch ungeahnte Lichter aufgingen.

Zweitens müssen wir begreifen, dass die Digitalisierung ein großer Helfer ist. Auch wenn die Zeiten für das individuelle Wohlergehen gut sind, stehen wir als Gesellschaft doch vor großen Herausforderungen. Der Klimawandel, soziale Ungleichheit und die Bekämpfung von Seuchen oder Krankheiten wie Krebs, Demenz oder Alzheimer zählen dazu. Und es spricht viel dafür, dass wir diese Herausforderungen meistern, wenn wir genau die Technologien nutzen, die uns nun die Digitalisierung an die Hand gibt. So ist zum Beispiel Big Data eben nicht dasselbe wie „Big Brother“ aus Orwells „1984“. Sondern es ist eine Chance, um beispielsweise in der Medizinforschung meilenweit voranzukommen.

Nur mal zur Verdeutlichung ein kleiner Kieselstein auf dem Weg: Im vergangenen Jahr hat die Telekom in Zusammenarbeit mit führenden Wissenschaftlern das Computerspiel „Sea Hero Quest“ veröffentlicht. Bei diesem Spiel geht es – verkürzt gesagt – um die Orientierungsfähigkeit der Spieler. Über 2,5 Millionen Spieler haben zusammen anonym bislang so viele Daten für die Demenzforschung erzeugt, wie sie ein Forscherteam in herkömmlicher experimenteller Forschung nur in Hunderten von Jahren erheben kann. Und gerade in der Medizin gibt es viele weitere Beispiele für Fortschritt. Deshalb spreche ich lieber von „Smart Data“ anstatt von „Big Data“.

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Das Wachstumskonzept, das wir kennen, passt nicht mehr

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