Industrie 4.0
Digitalisierung als Tempomacher

Internetbasierte Tools und Anwendungen bieten die Aussicht auf Produktivitätsgewinne. Viele Firmen sind aber weiter zurückhaltend bei der Nutzung. Dabei lassen sich mit ihnen Fehler früh erkennen und schnell eliminieren.
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AachenDie Digitalisierung empfinden viele Unternehmen als Fluch und Segen zugleich. Einerseits bietet sie ihnen Möglichkeiten, an die sie früher nicht mal im Traum gedacht haben – zum Beispiel in der Produktion, Fehler früh erkennen und eliminieren zu können. Durch Vernetzung von Mensch und Maschine und von der Produktion mit Zulieferern ist es zudem möglich, die Produktivität zu steigern und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Doch um diese Vorteile zu generieren, sind zunächst hohe Investitionen notwendig. Dazu klafft in der Praxis häufig eine Lücke zwischen hohen Erwartungen und Arbeitsalltag. Viele deutsche Firmen sind daher bei der Einführung moderner Technologien weiter zurückhaltend – obwohl viele Vorstände den hohen Stellenwert des „Social Collaboration“, also den Einsatz von digitalen Tools und Techniken, unterstreichen. Zu diesem Schluss kommt die „Deutsche Social Collaboration Studie“ der Technischen Universität Darmstadt und der Unternehmensberatung Campana & Schott. „Die Art, wie wir zusammenarbeiten, bestimmt ganz wesentlich, welche Ergebnisse wir dabei erzielen werden“, sagt Eric Schott, Geschäftsführer von Campana & Schott.

Bei vielen Mittelständlern fehlt zudem offenbar der letzte Wille, die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung auszureizen. „Unternehmen sollten Digitalisierung als Chance und nicht als Risiko begreifen“, sagt Lutz Tilker, Partner der internationalen Personalberatung Eric Salmon & Partners. Der Experte spricht vom „digitalen Mindset im Management und bei den Mitarbeitern“. Er teilt die Digitalisierung einer Firma in drei Phasen ein: Zunächst müsse eine Basisinfrastruktur geschaffen werden. Das Stichwort laute ERP (Enterprise-Resource-Planning), wobei Ressourcen wie Kapital, Personal, Betriebsmittel, Material, Informations- und Kommunikationstechnik, IT-Systeme rechtzeitig und bedarfsgerecht geplant und gesteuert werden.

„Die zweite Phase ist die vernetzte Information und Kommunikation mit der Fähigkeit, große Datenmengen zu verarbeiten und zu gewichten, um zum Beispiel externe Formen der Kommunikation wie Internet und Social Media bestmöglich zu bedienen“, so Tilker. Die dritte Phase ist ihm zufolge die vernetzte Erstellung von Produkten und Dienstleistungen auf Basis eines digitalen Geschäftsmodells – unterstützt durch Vernetzung und Automatisierung mit Kunden und Zulieferern.

Lösungen für unterwegs

Ein großes Thema ist bei vielen Mittelständlern der Einsatz appbasierter mobiler Lösungen – etwa im B2B-Bereich. „Wenn vor wenigen Jahren ein Vertriebsmitarbeiter zu einem Kunden fuhr, nahm er einen ganzen Schwung von Broschüren, Katalogen und Formularen mit“, berichtet Christian Sauter, Vorstand des App-Anbieters Datagroup Mobile Solutions. Inzwischen reicht ein Tablet. „Statt fünf Minuten lang auszupacken, kann sich der Vertriebsmitarbeiter heute auf das Verkaufen konzentrieren“, ergänzt Sauter. Der Experte nennt als ein weiteres Beispiel Materialhersteller etwa aus der Bauwirtschaft. Mittels App und mobilem Endgerät können Kunden und Vertrieb Bestellungen direkt auf der Baustelle erledigen. Vorteil: eine enorme Vereinfachung des Kaufprozesses und eine deutliche Beschleunigung der Abläufe.

Für Sauter besteht der zentrale Nutzen mobiler Apps darin, interne Abläufe zu beschleunigen, Fehler zu minimieren sowie eine höhere IT-Sicherheit zu schaffen. Dadurch können vor allem Mittelständler ihre Produktivität steigern. „In Zukunft wird dabei das Thema 5G sehr wichtig sein“, schätzt Sauter. Die fünfte Generation des technischen Mobilfunk-Standards soll zukünftig Datenraten von bis zu zehn Gigabit pro Sekunde ermöglichen – ein Vielfaches des heute möglichen Volumens. Aus Sicht der Entwickler werden dadurch in den kommenden Jahren ganz neue Anwendungsszenarien möglich.

Auch wenn der Erfolg häufig schwer messbar ist: Die Digitalisierung eröffnet Unternehmen in fast jeder Branche neue Möglichkeiten und damit Wachstumschancen. So fand das Bonner Institut für Mittelstandsforschung heraus, dass Unternehmen mit internetbasierter Abstimmung von Abläufen in der Produktion und der Logistik häufiger in der Gruppe der Wachstumschampions anzutreffen sind als Unternehmen, die ihre Produktionsabläufe noch nicht digitalisiert haben. Dies gilt auch, wenn Unternehmen ihren Mitarbeitern externen Zugriff zum Beispiel auf E-Mails oder Dateien ermöglichen oder ein Unternehmen in der Eigenwahrnehmung gut im Digitalisierungsprozess aufgestellt ist.

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