Industrie 4.0
Erste Schritte zur digitalen Revolution

Auf dem Weg zum Internet der Dinge gelten die USA als Vorbild. Der deutschen Industrie werfen Kritiker vor, sie habe die erste Halbzeit der Digitalisierung verloren. Für die Gescholtenen Ansporn und Ärgernis zugleich.
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FrankfurtDer Stachel sitzt tief: Seit Monaten müssen sich weite Teile der deutschen Industrie vorhalten lassen, sie würden im Wettbewerb um die Digitalisierung der Wirtschaft zurückfallen. Vor allem die Amerikaner mit ihrem Industrial Internet Consortium (IIC) gelten als leuchtendes Vorbild auf dem Weg zum „Internet der Dinge“, das die Welt der industriellen Produktion revolutionieren soll.

Dort sitzen die Schwergewichte der IT- und Softwarebranche wie IBM und Cisco zusammen mit Industriegiganten wie GE oder Hitachi aus Japan. Auch international agierende deutsche Konzerne wie Siemens, SAP oder Bosch spielen dort mit.

Für die mittelständisch geprägten Maschinenbauer und Elektrotechniker hier im Lande, die sich lange an vorderster Stelle bei der Entwicklung von Industrie 4.0 gesehen haben, ist der Trommelwirbel aus den USA Ansporn und Ärgernis zugleich: „Das IIC hat noch nicht wirklich was gemacht, aber schon viel darüber geredet“, sagte jetzt Klaus Mittelbach, Vorsitzender der Geschäftsführung des Elektrotechnikverbandes ZVEI. Der ZVEI hat sich vor zwei Jahren mit den Maschinenbauern vom VDMA und dem IT-Branchenverband Bitkom zur Plattform Industrie 4.0 zusammengeschlossen. Aufgabe: Standards und Normen zu entwickeln, über die Maschinen untereinander kommunizieren sollen. Ziel: Nur wer rechtzeitig Pflöcke einschlägt, kann seinen Vorsprung halten.

Rechtzeitig zur Cebit stellt die 4.0-Plattform nun erstmals eine Referenzarchitektur 4.0 vor, die den Firmen als Basis zur Entwicklung künftiger Produkte und Geschäftsmodelle außerhalb ihres internen Netzwerkes dienen soll. Die Vernetzung und der sichere Datenaustausch mit Kunden, Zulieferern und Dienstleistern macht schließlich den Kern der digitalen Zukunft in den Betrieben aus. Mittelbach verglich das sogenannte RAMI 4.0 mit dem Betriebssystem Android, auf dem heute weltweit die meisten Smartphones laufen. „Die Firmen können auf der Grundlage ihre Lösungen und Produkte entwickeln.“ Die Praxistauglichkeit der 4.0-Komponente soll in Referenzprojekten aus der Auto- und Chemieindustrie und bei einer Abfüllanlage überprüft werden. Den Amerikanern glaubt die 4.0-Plattform damit wieder ein Stück voraus zu sein.

Allerdings legt es die deutsche 4.0-Initiative nicht auf Konfrontation mit dem IIC an. „Es ist sinnvoll, mit den Amerikanern zu kooperieren“, sagt denn auch ZVEI-Präsident Michael Ziesemer. „Wir sind nicht so gut, wenn es darum geht, Daten zu analysieren und neue Geschäftsmodelle daraus zu entwickeln - das können die Amerikaner besser als wir.“

Der Vorstoß kommt zur rechten Zeit. Lange Zeit passierte kaum etwas, was zuletzt Kritik auslöste. So klagte T-Systems-Chef Reinhard Clemens im Januar, die deutsche Industrie habe die erste Halbzeit der Digitalisierung bereits verloren.

Die Politik, die das Thema Industrie 4.0 mit großem Interesse verfolgt, reagierte und verständigte sich vor drei Wochen auf ein neues 4.0-Konsortium, das bei der Fraunhofer-Gesellschaft angesiedelt ist und einen sicheren Datenraum für all die Firmen einrichten soll, die sich an gemeinsame Standards halten. Für Mittelbach kein Problem, sondern eine „sinnvolle Ergänzung unserer Grundlagenarbeit.“

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