Industrie 4.0: Firmen verstolpern den großen Wurf

Industrie 4.0
Firmen verstolpern den großen Wurf

Vielen Mittelständlern fällt es schwer, das Thema Industrie 4.0 richtig anzugehen. Dies liegt nicht nur an hohen Investitionskosten, sondern auch an fehlenden Gesamtkonzepten. Was Berater den Unternehmen raten.
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AachenWer Lutz Tilker darauf anspricht, warum es vielen Mittelständlern schwerfällt, sich auf die Digitalisierung einzulassen, bekommt schnell eine klare Antwort: „Human Resources bilden im Mittelstand bei der Digitalisierung eine Schlüsselfunktion.“ Genau diese Erkenntnis sei aber bei vielen kleineren und mittleren Unternehmen schlichtweg nicht vorhanden. Tilker ist Partner der internationalen Personalberatung Eric Salmon & Partners und verweist auf die Defizite in der Unternehmensführung. „Bei kleineren und mittleren Unternehmen kümmert sich das Personalwesen oft nur um die Verwaltung der Arbeitsverträge“. Die Entwicklung und Weiterbildung in Sachen Digitalisierung wird dagegen oftmals stiefmütterlich behandelt.

„Oft fehlt eine klare Strategie“, sagt Christian Jacobi, geschäftsführender Gesellschafter des Beratungsunternehmens Agiplan. „Die Firmen nehmen nur einzelne Projekte in Angriff und reduzieren das Thema Industrie 4.0 auf die wirtschaftliche Optimierung oder den Einsatz neuer Technologien. Häufig vernachlässigen sie dabei, ihre Produktion und Logistik für neue, digitale Geschäftsmodelle auszurichten.“

Beide Experten monieren, dass Firmen sich häufig auf Einzelthemen fokussieren, statt an einer Gesamtstrategie zu feilen. So ist bei der Digitalisierung oft nur vom „Internet der Dinge“ die Rede. Damit ist die Vernetzung von Gegenständen gemeint. Diese sind in der Lage, selbstständig miteinander über ein digitales Netz zu kommunizieren und verschiedene Aufgaben zu erledigen. Die meisten Mittelständler geben bei vielen Befragungen an, dass die Digitalisierung ein essenzieller Teil ihrer Unternehmensstrategie ist.

„Der überwiegende Teil dieser Firmen sagt zugleich, in ihren Reihen keinen Verantwortlichen für den Bereich der Digitalisierung (Chief Digital Officer) zu beschäftigen – genau das ist der Knackpunkt“, erläutert Tilker. Für ihn ist der „Faktor“ Mensch häufig das limitierende Element bei der Weiterentwicklung des Themas Industrie 4.0: „Die Veränderung eines Geschäftsmodells heißt auch, sich aus seiner heutigen Komfortzone herauszubewegen. Und das fällt dem Menschen grundsätzlich schwer.“ Tilker räumt jedoch ein, dass es große Dax-Konzerne leichter hätten als kleinere Unternehmen. „Digitalisierung kostet Geld. Große Unternehmen haben oft bessere Möglichkeiten, zu investieren.“

Der Berater verweist darauf, dass es von der Branche abhängig sei, inwieweit sich das Unternehmen mit der Digitalisierung anfreundet. Während etwa das Baugewerbe noch sehr zurückhaltend agiere, sei dies bei vielen Maschinenbauern und Zulieferern schon ganz anders. Ein schönes Beispiel für eine gute Einbindung der Digitalisierung sei der Maschinenbauer Trumpf, den Tilker als sehr fortschrittlich bei der Digitalisierung bezeichnet. So habe die Chefin Nicola Leibinger-Kammüller die Digitalisierung zur Chefsache erklärt – in den USA baut das Unternehmen aktuell eine Demo-Fabrik für Industrie 4.0, also eine von Grund auf flexible und digital vernetzte Produktionsstätte.

So weit sind die meisten Mittelständler aber noch nicht. So sieht Jacobi vor allem bei der Vernetzung der IT-Systeme viele Lücken. „Die Digitalisierungsstrategie muss in Unternehmen Chefsache sein“, fordert er. Ein Patentrezept gebe es jedoch nicht. Der Berater kennt zumindest ein gelungenes Beispiel für die erfolgreiche Etablierung der Digitalisierung: einen mittelständischen Elektroinstallations-Hersteller, der durch Innovationen getrieben wird – etwa im Bereich der intelligenten Gebäudetechnik (Smart Home). Dabei steuern technische Systeme auf Basis vernetzter und fernsteuerbarer Geräte die Wohnqualität, die Sicherheit sowie die effiziente Energienutzung.

Frische Ideen sind gefragt

Das Unternehmen hat Jacobi zufolge das Zusammenspiel von Mensch und Maschine analysiert. Dazu wurden umfangreiche Bewegungsdaten von Arbeitsabläufen aufgenommen, und es wurde untersucht, wie die Menschen durch Roboter unterstützt werden können. Die Erkenntnisse im Bereich Montage ließen sich nun auf die Logistik übertragen, um immer kürzere Zugriffszeiten und mehr Flexibilität zu erreichen.

Bei der Umsetzung von Industrie 4.0 sind neue, frische Ideen gefragt. Und die kommen häufig von denjenigen, die mit der Digitalisierung aufgewachsen sind. Tilker sieht ein generelles Problem in den vergleichsweise geburtenschwachen Jahrgängen der „Digital Natives“, die nun auf den Arbeitsmarkt kommen. Sie können sich aufgrund des großen Bedarfs ihren Arbeitsplatz mehr oder weniger selbst aussuchen. „Ein IT-versierter 30-jähriger Berufseinsteiger geht eher zu einem technikaffinen Konzern wie BMW als zu einer mittelständischen Firma.“ Digital Natives seien am ehesten über die Medien zu erreichen, die ihnen am besten vertraut sind. Etwa soziale Medien wie Facebook und Twitter. „Dort machen viele Mittelständler viel zu wenig. Sie sollten ihre eigene Position gegenüber ihrer Zielgruppe besser herausstellen.“

Wenn Firmen die Digitalisierung verschlafen, werden sie laut Tilker von der anpassungsfähigeren Konkurrenz überholt. Er erinnert daran, dass Amazon früher belächelt wurde, als das Unternehmen begann, Bücher übers Internet zu verkaufen. „Heute ist Amazon Branchenführer im E-Commerce und macht in Deutschland so viel Umsatz wie die verbliebenen neun der Top Ten zusammen.“ Dem deutschen Mittelstand könne man als Innovationsführer nur raten, das Risiko auf sich zu nehmen, sich in die Digitalisierung reinzubewegen. „Der First Mover ist meistens in der Lage, den Standard zu setzen. Und die Fast Follower müssen diesen Standard akzeptieren.“

Welche Grundvoraussetzungen müssen Unternehmen mitbringen, um Industrie 4.0 weiterzuentwickeln? „Es sind die Köpfe der Unternehmen, die Innovationen und Digitalisierung antreiben“, sagt Jacobi. Als Erfolgsrezept für die Digitalisierung nennt der Experte drei Punkte: eine klare Strategie mit dem Mandat des Topmanagements, saubere Prozesse und IT sowie die Umsetzung des großen Plans in kleinen Schritten. Unternehmer müssten sich öffnen und traditionelle Systemgrenzen, zum Beispiel zwischen Produktion, Logistik und IT, überwinden. Sein Resümee: „Die richtige Keimzelle dient oft als Ausgangspunkt für die spätere Implementierung der Industrie 4.0.“

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  • Vermutlich ist es auch so, dass vernünftige Firmenlenker sich nicht zu jedem künstlich in den Medien kolportierten Hype verleiten lassen. Besonders, wenn sie "Industrie4", ach nein, es ist ja sogar "4.0", gar nicht brauchen.

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