Jobs im Wandel
Digitaler Daumen gesucht

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Digitale und analoge Welt verknüpfen

„Jobeinsteiger können nicht länger damit punkten, als Digital Natives aufgewachsen zu sein. Denn das sind alle Vertreter ihrer Generation - und die aller nachkommenden erst recht“, warnt Christian Hoffmeister, Dozent an der Hochschule Fresenius für Medienökonomie und Digital Business. Er verlangt von seinen Studenten, neue Verknüpfungen zwischen digitaler und analoger Welt herzustellen - egal, ob sie ein Leben als Angestellte oder Selbstständige planen. „Ob sie ihre Ideen ihrem Chef verkaufen müssen oder einem Investor, macht keinen Unterschied.“

Und wer neben technischem Verständnis Einfühlungsvermögen und Kommunikationstalent mitbringt, hat potenzielle Arbeitgeber schnell überzeugt.

So wie Johann Schießer, Kulturwissenschaftler mit Auslandssemester in Australien, sozialisiert mit StudiVZ, YouTube und Instagram. Dass er sein digitales Wissen auch anderen vermitteln kann, hat der heute 30-Jährige schon in seinem Studentenjob bewiesen: Als Kundenberater bei einer Social-Media-Agentur führte er Marketingabteilungen in die Welt des Web 2.0 ein. Seit Juli 2013 entwickelt er für den Reisekonzern TUI digitale Konzepte. Nicht in der Zentrale in Hannover, sondern in Berlin, wo TUI sein Social-Media-Team angesiedelt hat - am Hausvogteiplatz im trendigen Stadtbezirk Mitte.

Schießer hat daran mitgearbeitet, dass Kommentare und Fotos der TUI-Kunden auf den griechischen Inseln auch groß auf den Flachbildschirmen in den Hotellobbys zu sehen sind - selbst die negativen. Und auf Kos organisierte Schießer kürzlich den ersten TUI Photowalk mit Goldie Berlin, einer in der Reiseszene bekannten Bloggerin, auf der Fotoplattform Instagram. Sie zeigte TUI-Kunden vor Ort, wie man Sonnenuntergänge perfekt in Szene setzt oder die schönsten Selfies schießt. Schießers jüngstes Projekt: das Verlinken von Urlaubsschnappschüssen mit virtuellen Hotelrundgängen und Apps des entsprechenden Anbieters, über den sich mit wenigen Klicks eine Reise buchen lässt.

Kollegen, denen die neuen Möglichkeiten nicht so eingängig sind, bietet TUI digitale Nachhilfe in Blog-Workshops. „Im Gespräch mit älteren Kollegen“, sagt Schießer, „muss ich schon mal Überzeugungsarbeit leisten.“

Auch andere Unternehmen lassen sich inzwischen einiges einfallen, um ihre Belegschaften auf die digitalen Herausforderungen einzustellen. Über seine Networking Academy macht Cisco IT-Dozenten und - Auszubildende an Berufsschulen fit für die digitale Zukunft. Neben klassischen Aufgaben können Teilnehmer in Lernspielen bundesweit gegeneinander antreten, auf einer Selbstlernplattform ihr Wissen vertiefen und Web-Konferenzen abhalten. „Die Technologie ändert sich rasant“, sagt Akademieleiter Carsten Johnson. „Wir können nicht erwarten, dass das Bildungswesen allein mithält.“

Die Initiatoren des Software Campus sehen das genauso. Das Ziel der 19 Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft, darunter Bosch, Siemens und Telekom: aus ausgewählten IT-Doktoranden Top-Manager von morgen machen. Und IBM fordert mit der internen Weiterbildungsinitiative Think 40 seine Mitarbeiter auf, laufende Projekte liegen zu lassen, um sich weiterzubilden - 40 Stunden pro Jahr. Das lohnt sich, denn Führungskräfte werden mehr und mehr zu E-Managern, so die Prognose von empirica: Bis 2020 lässt die Digitalisierung den Anteil anspruchsvoller Jobs im Management am stärksten wachsen - um 44 Prozent im Vergleich zu 2011.

Steffen Müller hat schon heute einen von ihnen - ganz ohne Informatik-Hintergrund. Der 28-jährige Betriebswirt ist bei der Deutschen Post als Leiter Briefzustellung in der Region Schwetzingen für den Einsatz von 250 Mitarbeitern an 18 Standorten zuständig - vor allem Postboten. Statt wie seine Vorgänger mit handgezeichneten Straßenkarten, Wandkalendern und Umlaufmappen plant Müller alles am Bildschirm: Personaleinsatz- und Urlaubsplanung, Reports und Budgets, Kennzahlenvergleiche und Prognosen. „Durch die Digitalisierung ist die Arbeit viel schneller und effizienter geworden“, sagt Müller. „Die täglichen Updates sind für mich wie Wasserstandsmeldungen.“

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