Chinas Green-Dam-Software
„Eine Katastrophe für die Internetsicherheit“

Vom morgigen Mittwoch an müssen alle in China verkauften Computer mit einem Internet-Filter ausgestattet sein. Offiziell gegen pornografische Inhalte gerichtet, zielt die Maßnahme nach Einschätzung vieler Beobachter auf eine Zensur missliebiger Web-Inhalte. IT-Experte Andrew Lih sprach mit dem Handelsblatt über die heftigen Proteste gegen die neue Filtersoftware - und die Gefahren, die von ihr ausgehen.
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Warum gibt es so starken Protest gegen Chinas neue Filtersoftware?

Immer wenn Regierungen auf privaten Computern irgendwelche Software installieren, muss man das sehr ernst nehmen. Beim „Green Dam“ gibt es in China jedoch einen erstaunlich lautstarken Widerstand. Wenn man sich andere Internetkontrollen anschaut greifen die alle auf der Seite des Servers oder bei der Verbindung zum Internet zu. Also etwa, welchen Zugang man zu Webseiten außerhalb Chinas hat oder welche Inhalte auf Webseiten in China zugelassen sind. Aber mit der neuen Regelung sollen nun für die Regierung Filter in den eigenen vier Wänden und im privaten Laptop eingebaut werden. Das ist Neuland und das finden auch die Chinesen nicht akzeptabel. Darum finden mehr als 80 Prozent laut Umfragen die Software „Grüner Damm“ eine schlechte Idee.

Was wird Ihrer Meinung nach dem 1. Juli geschehen?

Keiner weiß das. Ich könnte mir vorstellen, dass es am Ende wie so oft in China läuft – jeder macht, was er will. Der PC-Verkäufer gibt dann Privatkunden beim eines Computers eine CD und sagt: „Ach, das ist übrigens die Pflicht-Software zum installieren.“ Und vermutlich wird er dann gleich davon abraten.

Also ist es dann alles kein Problem?

Nicht ganz. Denn erstens weiß niemand, wie die Realität nun aussehen wird. Und zweitens geht es ja nicht nur um Privatkunden. Schon jetzt werden Computer von chinesischen Herstellern mit der neuen Filtersoftware ausgeliefert, etwa an Firmen, Unis oder Schulen. Und das eigentliche Problem für mich mit „Green Dam“ ist, dass die Software einfach so unglaublich schlecht ist.

Können Sie das genauer erklären?

Es gibt erhebliche Sicherheitsprobleme mit der Software. Obwohl der Hersteller einige Dinge korrigiert hat, sind die Gefahren nicht behoben. Und in China gibt es rund 300 Millionen Internetnutzer. Wenn man sich nun vorstellt, dass davon nur ein Drittel diese schreckliche Software benutzt, mit der ihre Computer verseucht und ausspioniert werden können, dann werden wir eine Katastrophe mit Blick auf die Internetsicherheit erleben.

Sehen auch Sie die Software als Schlag gegen die Meinungsfreiheit?

Das Besondere am „Grünen Damm“ ist, dass man in die Privatsphäre der Internetnutzer eindringt. Das Problem ist, dass keiner genau weiß, was das bedeutet. Und was ist der nächste Schritt? Mithören bei Gesprächen, Kontrolle von Videos und Überwachung meiner Arbeiten am Laptop – wenn man diese Software installiert hat, öffnet man dafür Tor und Tür.

Wie bewerten Sie die Kritik an den China-Filtern?

Ich finde es interessant, dass Chinas Staatsmedien ungewöhnlich stark über das Thema und über den Widerstand berichten. Es scheint so, dass es bei dem Vorstoß in der Regierung keine einheitliche Linie gibt, sondern dass es eher ein Alleingang einiger Behörden ist. Sonst gäbe es nicht diese öffentliche Kritik und Debatte.

Verläuft vielleicht alles im Sande?

Es gibt unzählige Vorschriften fürs Internet, die zwar auf dem Papier stehen, aber nicht umgesetzt werden. Oft passiert das, weil es für die Regierung zu peinlich wäre, einen Rückzieher zu machen. Die Regierung will nicht als jemand gelten, der einknickt, denn dann könnten die Leute ja denken, bei der nächsten Vorschrift müssen sie gar nicht erst hinhören. Man muss da erstmal abwarten, was jetzt wirklich kommt.

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