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Experten: Europas Chipbranche muss sich auf eigene Stärken besinnen

München (dpa) Die krisengeschüttelte europäische Halbleiter- Branche um Infineon und Co. spricht sich demonstrativ Mut zu. Die Aussichten sind wieder rosiger.

München (dpa) Die krisengeschüttelte europäische Halbleiter- Branche um Infineon und Co. spricht sich demonstrativ Mut zu. Die Aussichten sind wieder rosiger. Marktforscher sagen der weltweiten Chipindustrie für 2008 einen neuen zyklischen Höhepunkt voraus mit Wachstumsraten von 20 Prozent, auch dank des Handybooms.

Um mitmischen zu können, müssen sich Halbleiter-Unternehmen in Europa aber anstrengen: Mrd.-Investitionen sind nötig und die Konkurrenz aus den asiatischen Billiglohnländern stark.

„Wir leben heute nicht mehr in einer Zeit, in der die Wiege allen Fortschritts in Europa oder den USA steht“, betonte Manfred Dietrich vom Bundesministerium für Bildung und Forschung auf einer Branchentagung. „Vor allem die dynamischen Unternehmen in den Schwellenländern mit hervorragenden Standortbedingungen bieten den etablierten Konzernen in den Industrieländern Paroli.“ Europa habe technische Entwicklungen in den 70er und 80er Jahren verschlafen und sei erst Mitte der 90er Jahre aufgewacht, als Siemens sich zum Bau einer Halbleiterfabrik entschlossen habe.

Die Halbleiter-Branche in Europa sollte sich heute mehr auf ihre Stärken und Spitzenpositionen besinnen, von denen sie genug habe, raten Experten. Im Bereich Automobilelektronik-Design führe Europa weltweit und Deutschland liege hier mit Abstand an der Spitze, betont der Präsident des Verbands Semi Europe, Heinz Kundert. Auch beim Handydesign habe Europa die Nase vorn. „Wenn wir gegen die Asiaten vorgehen wollen, wenn wir gegen Amerikaner konkurrenzfähig sein wollen, dann brauchen wir eine europäische Identität“, sagt er mit Blick auf seine Branche.

Wichtige Impulse kommen aus den europäischen Kompetenzzentren. Neben Grenoble (Frankreich) und Leuven (Belgien) hat sich Dresden zur bedeutendsten Mikroelektronik-Standort Europas aufgeschwungen. Vor zehn Jahren siedelte sich der weltweit zweitgrößte Mikroprozessorenhersteller AMD dort an. Die Amerikaner steckten Mrd. in hochmoderne Fabriken und lockten Zulieferer an. Auch Infineon oder deren mittlerweile börsennotierte Speicherchip-Tochter Qimonda sind in der sächsischen Landeshauptstadt vertreten.

Das „Silicon Saxony“ hat seinen Aufschwung auch Subventionen zu verdanken. „In den vergangenen zehn Jahren flossen dort 13 Mrd. Euro an Investitionen und zwei Mrd. Euro staatliche Zuschüsse“, sagt Ministerialdirigent Dietrich. „Die sind an den Staat längst zurückgekommen.“ Subventionen allein reichen aber nicht aus. „Bildung, Bildung, Bildung“, fordert Barbara Schädler, Vorstandsmitglied des führenden europäischen Computerherstellers Fujitsu Siemens mit Blick auf den Mangel an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern. Zudem fehle es hier zu Lande an Ehrgeiz, Enthusiasmus und Risikobereitschaft, um angemessen auf die Konkurrenz aus Asien zu reagieren.

Qimonda-Chef Kin Wah Loh treiben die großen Produktivitätsunterschiede zwischen Asien und Europa um. Ein koreanischer Ingenieur arbeite deutlich mehr als sein deutscher Kollege, auch weil er weniger Ferien habe, sagt der in Malaysia geborene Manager mit Blick auf den größten Qimonda-Konkurrenten Samsung Electronics (Südkorea). „Wenn sich nichts ändert, dann könnte Europa zum Dinosaurier werden“, warnt Chef der ehemaligen Speicherchip-Sparte von Infineon. Branchenunternehmen stellen bereits ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand, um ihre Stärken angesichts der vielfältigen Herausforderungen besser auszuspielen.

Jürgen Weyer von Freescale Semiconductor erklärt aktuelle Trends in der Chipindustrie: Die durchschnittlichen Verkaufspreise sinken. Außerdem verlangsame sich das Wachstum seit den 80er Jahren stark, da die Branche reife. Gleichzeitig schnellten die Entwicklungskosten in die Höhe. „Die Forschungsausgaben explodieren zum Teil“, sagt der Topmanager. Um dies zu stemmen, setzt Freescale auf Kooperationen.

Frisches Geld kommt seit einiger Zeit auch von Finanzinvestoren. Der Halbleiter-Spezialist Freescale, der bis 2004 noch zum US- Handyhersteller Motorola gehörte, wurde jüngst von einem Konsortium um Blackstone geschluckt. Und der niederländische Elektronikkonzern Philips übergab die Mehrheit an seiner Halbleitersparte an ein Konsortium um Kohlberg Kravis Roberts (KKR). Experten glauben, dass die US-amerikanische Atmel Corp, aber auch der europäischen Spitzenreiter Stmicroelectronics interessant für Private-Equity- Gesellschaften sind. Die Konsolidierung werde also weitergehen. dpa sbi/fd yyfx rg

Von Sabine Brendel, dpa-AFX

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