Computerisierter Wertpapierhandel
Aufmarsch der Quants

Computer beherrschen zunehmend den Wertpapierhandel. Mit ausgefeilten Algorithmen analysieren sie Chancen und Risiken. Die Geschwindigkeit, mit der Anteile an Gesellschaften verschoben werden, hat sich dadurch in den zurückliegenden Jahren rapide erhöht. Doch können die Rechenkünstler auch den Faktor Mensch ersetzen?
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DÜSSELDORF. Fassungslos starrten die Finanzprofis in aller Welt auf ihre Bildschirme: Sämtliche Aktienkurse waren im freien Fall. Der deutsche Leitindex Dax verlor in wenigen Stunden mehr als sieben Prozent, auch an den Börsen in Japan und Indien gingen die Kurse auf Talfahrt.

Die Ursachen für den schwarzen Montag, der am 21. Januar über die Anleger hereinbrach, waren schnell ausgemacht. Schuld hatten die Immobilienkrise und die drohende Rezession in den USA, milliardenschwere Abschreibungen auch bei europäischen Großbanken, die Finanzprobleme der WestLB, Panikverkäufe der Société Générale - und natürlich jene computergestützten Handelsprogramme, die schon 1987 für einen Crash gesorgt hatten, weil, so wurde schon damals geargwöhnt, ihre von Mathematikern oder Physikern entwickelten Algorithmen auf ungewöhnliche Marktbewegungen nicht reagieren konnten und stattdessen stur ihre programmierten Anlagestrategien abarbeiteten.

Seitdem haben die Finanzmathematiker zwar die Programme weiter verfeinert und auch mit einer Menge künstlicher Intelligenz versehen. Aber bei vielen Bankern herrscht weiter großes Misstrauen gegen die Arbeit der Rechenknechte. "Auch wenn die Computerprogramme noch so gut sind - es fehlt ihnen einfach die Intuition, der Esprit des Handelns", beklagte sich am Tag nach jenem schwarzen Montag im Januar ein Frankfurter Aktienhändler. Er werde, kündigte er trotzig an, nun wieder stärker auf sein Bauchgefühl achten.

Ein schöner Vorsatz, aber lässt sich die Automatisierung der Handelsprozesse tatsächlich noch umkehren? Fakt ist: In den USA macht der auf Algorithmen basierende computergestützte Handel bereits die Hälfte aller Aktientransaktionen aus, in Deutschland sind es nach aktuellen Schätzungen bereits über 40 Prozent - und bis 2015 sollen es nach einer Studie von IBM bereits 90 Prozent sein.

"Die Dienstleistungen im Wertpapierhandel werden zunehmend automatisiert", weiß Rainer Riess, Geschäftsführer für den Bereich Stock Market Business Development an der Deutschen Börse in Frankfurt, deren weltumspannendes Teilnehmernetz das größte der Welt ist. "Wo früher 100 Händler saßen, sind es heute oft nur noch zehn", meint er. "Und von denen sind drei Mathematiker und drei Programmierer."

Die Geschwindigkeit, mit der Anteile an Gesellschaften verschoben werden, hat sich deshalb in den zurückliegenden Jahren rapide erhöht. "Von der Erteilung einer Order und wieder zurück zum Kunden dauert es heute weniger als zehn Millisekunden", sagt Riess. In der Zeit, in der Sie diesen Satz lesen, können also bereits mehrere Hundert Aktienpakete im Werte von Zigmillionen Euro ihren Besitzer gewechselt haben.

Kritiker behaupten, durch den regen Datenverkehr habe der Mensch längst die Kontrolle über die Geschäfte verloren. "Viele Portfolio-Manager haben inzwischen vor der Komplexität der Systeme kapituliert - sie machen sich gar nicht mehr die Mühe zu verstehen, was ihre Computer im Einzelnen machen", beklagt Chris Rexworthy, IT-Experte bei der Unternehmensberatung IMS in London.

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