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Das Internet bietet der Lyrik neue Chancen

Lyrik gilt als zartes Pflänzchen, das zwar viel mit Gefühl, aber wenig mit moderner Technik zu tun hat. Insofern mag es überraschen, dass Poesie im Internet nicht nur ihren Platz gefunden hat, sondern durch das Medium durchaus einen gewissen Aufschwung erlebt.

dpa HAMBURG. Lyrik gilt als zartes Pflänzchen, das zwar viel mit Gefühl, aber wenig mit moderner Technik zu tun hat. Insofern mag es überraschen, dass Poesie im Internet nicht nur ihren Platz gefunden hat, sondern durch das Medium durchaus einen gewissen Aufschwung erlebt.

Die Möglichkeiten, Gedichte im Netz in Szene zu setzen, sind vielfältig. Und vor allem junge Menschen kommen dort - auch abseits des Schulunterrichts - mit der oft stiefmütterlich behandelten Gattung in Kontakt. So gibt es heute durchaus Teenager, die Liebesgedichte für ihren Schwarm ins Netz stellen.

Der Greifswalder Literaturwissenschaftler Michael Gratz meint, dass das Internet die Lyrik nicht grundsätzlich verändert habe. Er gibt gleichzeitig zu bedenken, dass es immer einen bedeutenden Strang in der lyrischen Tradition gegeben habe, der der Technik freundlich gesonnen war: „Novalis war Bergbauingenieur, Gottfried Benn sah den Dichter als einen Techniker, der im Labor sitzt“, sagt er.

Gratz, der die nur im Netz publizierte „Lyrikzeitung & Poetry News“ herausgibt, sieht durchaus Ähnlichkeiten zwischen der Nutzung des Internets und der Annäherung an Gedichte: „Kreatives Lesen von Lyrik ist eine Art Surfen; es hat etwas sprunghaft Assoziatives, wobei der Zufall eine große Rolle spielt.“ Dass es bald einen digitalen Poesie-Automaten geben könnte, der große Dichtung hervorbringt, hält der Literaturwissenschaftler aber für unwahrscheinlich: „Bisher ist es schon schwierig genug mit dem Computer grammatikalisch richtige Übersetzungen anzufertigen. Ganz schwierig wird es aber erst, wenn auch noch die poetische Grammatik hinzukommt.“

Ein bereits gelungenes und im Ausbau begriffenes Projekt ist die 1999 von der Berliner Literaturwerkstatt ins Netz gestellte „lyrikline“ (www.lyrikline.org): Auf diesen Seiten können die Verse deutschsprachiger Dichter von Gottfried Benn über Ingeborg Bachmann bis zu Durs Grünbein nicht nur nachgelesen, sondern auch angehört werden - sofern eine Originalaufnahme des Dichters vorliegt und der Nutzer die nötige Technik besitzt.

Um den deutschsprachigen Kern der „lyrikline“ wächst allmählich eine Plattform für internationale Gedichte: Der karibische Nobelpreisträger Derek Walcott liest auf Englisch, Kaiyu Xiao auf Chinesisch. Auch kleine Sprachen wie das Rätoromanische, Isländische oder Litauische sind zu hören. Die Aufnahmen stammen vom „Weltklang“- Poesiefestival, das alljährlich von der Berliner Literaturwerkstatt veranstaltet wird, oder von Partnerorganisationen wie dem Goethe- Institut. Selbstverständlich gibt es zu den Gedichten Übersetzungen. Insgesamt sind bisher 34 Sprachen vertreten. Auf diese Weise entsteht nach und nach ein audiovisueller Weltatlas der modernen Poesie.

Für Thomas Wohlfahrt, Leiter der Berliner Literaturwerkstatt und Initiator der „lyrikline“, ist das Internet ein ideales Medium: „Der Dichtung ist in den letzten Jahrhunderten die Stimme verloren gegangen.“ Mit dem Internet, aber auch mit CDs, könne, so sagt Wohlfahrt, dieser Verlust wieder rückgängig gemacht werden. Das habe auch den Effekt, dass Versdichtung wieder verstärkt wahrgenommen werde. „Es hat sich gezeigt, dass immer dann, wenn wie bei der "lyrikline" die Stimme dazu kommt, die Rezeptionsschwierigkeiten weg sind“, meint er.

Der Lyriker und Verleger Anton G. Leitner aus München wiederum sieht das Internet vor allem als gute Möglichkeit, sich über Poesie zu informieren: „Wenn ein junger Mensch bei einem Poetry Slam war und zu Hause auf die Idee kommt, ein Buch von einem Dichter, den er dort erlebt hat, kaufen zu wollen, dann wird er zunächst im Internet suchen.“ Das sei, so meint Leitner, auch deshalb geboten, weil die Lyrikecken in den Buchläden immer kleiner würden. Dennoch hat der Herausgeber der Zeitschrift „Das Gedicht“ gewisse Vorbehalte, wenn er ans „Netz“ denkt: „Der Bildschirm transportiert eine gewisse Kälte. Papier ist die sinnlichere Form für die Poesie“, sagt Leitner. „Außerdem kann man ein Gedichtband in die Tasche stecken und so die Verse in freier Natur lesen.“

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