Depeschen-Klau
Wikileaks ist die Vorstufe eines virtuellen Kriegs

Die Enthüllungen von Wikileaks bringen die USA in Erklärungsnot - und zeigen gleichzeitig, wie verwundbar Staaten und Unternehmen durch das Internet geworden sind. Die Datenspionage ist dabei nur der Anfang. Auch Unternehmen stehen vor einem virtuellen Krieg. Deutschland ist erschreckend schlecht geschützt.
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PEKING/MOSKAU/DÜSSELDORF. Die Enthüllungen von Wikileaks bringen die USA in Erklärungsnot - und zeigen gleichzeitig, wie verwundbar Staaten und Unternehmen durch das Internet geworden sind. Die Datenspionage ist dabei nur der Anfang. Auch Unternehmen stehen vor einem virtuellen Krieg. Deutschland ist erschreckend schlecht geschützt.

Staatsfeind Nummer eins ist blond, hat leicht gerötete Wangen und das Lächeln eines Buben. Der 23-jährige US-Obergefreite Bradley Manning hat gerade die ganze Welt in Aufregung versetzt. Er erleichterte US-Behörden um Abertausende brisante Depeschen, die Botschaften in aller Welt an das State Department in Washington geschickt hatten und schickte diese an die US-Enthüllungsseite Wikileaks. Jetzt kann jeder bei Wikileaks nachlesen, was die USA über Spitzenpolitiker in aller Welt denken.

Mannings Daten-Klau versetzen nicht nur die internationale Diplomatie in Aufruhr. Er zeigt zugleich, wie verwundbar das Internet Staaten und Konzerne gemacht hat. Die schlechte Nachricht: Cyber-Spionage ist nur der Anfang. Vernetzte Computer prägen alle Bereiche unseres Alltags. In dieser Welt, in der bald jede Maschine eine Online-Adresse hat, können Sabotagesoftware, Virenangriffe und Mail-Attacken Handynetze, Krankenhäuser und Börsen lahmlegen. Sogar Industrieanlagen und Atomkraftwerke können auf diesem Weg angegriffen werden. Um in einem Unternehmen oder einem ganzen Land Chaos anzurichten, reichen eine Handvoll Hacker, ein paar Computer und der Zugang zum Internet. Auch Terroristen horten längst Wissen darüber, wie sie mit Bits und Bytes größeren Schaden anrichten könnten als mit Bombengürteln. Im vergangenen Jahr erst gelang es etwa Taliban im Irak, den Datenstrom einer unbemannten Drohne vom Typ Predator anzuzapfen, sie hatten die Datenübertragung via Satellit geknackt.

Damit beginnt eine neue Ära der Kriegsführung - auch für Deutschland. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sieht vor allem Kommunikationsnetze gefährdet. "Heutzutage kann ein USB-Stick ganze Börsen zusammenbrechen lassen", urteilt er. Trotz solcher Bedrohungen stecke die Vorbereitung auf den Cyberwar in Deutschland "bestenfalls in den Kinderschuhen". Was für eine Untertreibung. Nach Ansicht von Experten ist Deutschland besonders anfällig für elektronische Attacken. Vor allem, weil die Unternehmen ihr Geschäft aus Kostengründen schneller digitalisiert haben als Wettbewerber in anderen Ländern. Dass Autokäufer ihre Karossen inzwischen online konfigurieren und Supermarkt-Tiefkühltruhen automatisch neue Ware ordern können, ist Ausdruck dieser totalen Automatisierung. Viele Unternehmen lassen zudem Kraftwerkssteuerungen, Telefonanlagen oder Maschinen via Internet warten. Auch das erhöht das Risiko für Cyber-Angriffe dramatisch.

Besonders gefährdet sind große Stromversorger wie Eon und RWE. Sie stecken mitten im Umbau ihrer Infrastruktur: Dabei verschmelzen sie Stromleitungen, Steuerungselektronik und IT. Schon bald wollen sie mithilfe der Technik Tarife anbieten, die entsprechend der verfügbaren Strommenge mal billig und mal teurer sind. Doch das vom Kunden bis zum Kraftwerk digitalisierte Stromnetz bietet digitalen Angreifern auch ganz neue Angriffspunkte. Hackern in den USA etwa gelang es im März 2007, einen Dieselgenerator, wie er in Kraftwerken zum Einsatz kommt, per Computervirus zur Selbstentzündung zu bringen und damit zu zerstören. Das war zwar nur ein Test des US-Energieministeriums. Aber nächstes Mal ist es vielleicht schon der Ernstfall.

Kraftwerke sind nur einer von vielen Schwachpunkten. Von der Netzsteuerung bis zur Sabotage des grenzüberschreitenden Stromaustauschs bieten sich den elektronisch Angreifenden zahlreiche Ziele.

Wie die konkreten Folgen des Cyberwars aussehen würden und warum deutsche Unternehmen besonders leichte Ziele sind, lesen Sie auf wiwo.de: Wikileaks ist erst der Anfang.

Kommentare zu " Depeschen-Klau: Wikileaks ist die Vorstufe eines virtuellen Kriegs"

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  • Vielleicht muss man sich gar nicht so sehr schützen, wenn ma sich keine Feinde macht.

  • Tja, eine Monokultur a la Microsoft und Cisco lässt viel Platz für "Schädlinge", die dann gleich in Mengen auftreten können ;-)

    Man schaue sich stattdessen mal einen funktionierenden Regenwald an...

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