Deutschlands erste Funkstation wird 100
Morsezeichen in die Kolonien

Deutschlands erste Funkstation wird 100 Jahre alt: Am 19. August 1906 nahm in Nauen (Brandenburg) die Firma Telefunken zunächst versuchsweise den Betrieb auf.

dpa NAUEN. „Bereits 1908/1 909 konnten Nachrichten per "Morsezeichen" über Entfernungen von bis zu 6 000 Kilometern übermittelt werden“, sagt der einstige Leiter der Station, Klaus Krämer. Schnell wurden Reichweiten von über 20 000 Kilometern und somit Mitteilungen etwa in die deutschen Kolonien möglich. „In Nauen war sozusagen der Urknall für das Zeitalter der drahtlosen Telegrafie von Kontinent zu Kontinent“, betont Krämer.

Die Station im Havelland sendete und empfing Telegramme und sei bald die leistungsstärkste Station Europas gewesen. In beiden Weltkriegen wurde die U-Boot-Flotte über den Sender geleitet und von 1917 bis zur Wiedervereinigung kam von hier das Nauener Zeitzeichen, an dem sich die Schiffe rund um den Globus orientierten und Uhren weltweit gestellt wurden. Mit Beginn der ersten Rundfunksendungen gab es kaum einen Hörer, der das Zeichen nicht kannte, auf das die sonore Stimme folgte: „Mit dem letzten Ton des Nauener Zeitzeichens war es genau...“

Die Geschichte der Telegrafie in Deutschland begann 1903 mit der Gründung der Gesellschaft für drahtlose Telegrafie „Telefunken“ von AEG und Siemens. Nachdem sich Funkversuche in Berlin wegen der Bebauung als kompliziert erwiesen, machten sich Telefunken-Techniker auf die Suche nach einem geeigneten Areal nahe Berlin. „Es musste gut erreichbar, billig und erweiterbar sein - und das war das Gebiet in Nauen“, sagt Krämer.

Zunächst wurden für die Versuchsstation ein 100 Meter hoher Sendemast und ein kleines Fachwerkhaus errichtet, in dem der erste so genannte Knallfunken-Sender und die Empfangstechnik untergebracht waren. 1906 erfolgte die Eröffnung durch Hans Bredow, später Reichsrundfunk-Kommissar. Bald startete der reguläre Betrieb. 1912 errichtete Telefunken eine neue Antennenanlage mit bis zu 260 Meter hohen Masten. „Damals waren es fast die höchste Bauwerke der Welt“, erklärt Krämer. Die deutschlandweit erstmalig mögliche Kommunikation mit der Fremde „dauerte oft jedoch stundenlang“. Denn die Informationen, die der Funker etwa im damaligen Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) aufschrieb, musste ein Bote per Brief an den Empfänger weiterleiten.

Von den neuen technischen Möglichkeiten waren jedoch längst nicht alle begeistert: Die Bauern in der Region bekamen plötzlich Angst vor dem Riesenturm, den laut knatternden Knallfunken der ersten Sender und den unsichtbaren Funkwellen. In zahlreichen Briefen beklagten sie sich, dass die Wellen ihrem Feld und ihrem Vieh schadeten. „Wenn ein Huhn Kalkbeine bekam oder eine Kuh verkalbte - die Wellen waren schuld“, weiß das Radiomuseum Rottenburg (Bayern) zu berichten. Viel Schnaps und Zureden waren vonnöten, um die Gemüter zu beruhigen.

Die Großfunkstelle Nauen strahlte die weltweit empfangbaren Sendungen zu bestimmten Zeiten in einem international bekannten Code-Schlüssel aus - und das bis 1991. Ein Bombentreffer 1945 hatte zwischenzeitlich die Geschichte der Funkstation beendet.

1958 begann nach Auskunft von Krämer die Abstrahlung des Kurzwellen-Auslandsrundfunkdienstes Radio Berlin International (RBI) für die DDR. Mit der Wiederveinigung am 3. Oktober 1990 verstummte RBI und seither nutzt die Deutsche Welle die Nauener Sender. Das Jubiläum der Funkstation wird laut Krämer am kommenden Wochenende mit einem Stadtfest gefeiert. „Schließlich wurde vor 100 Jahren hier bei uns ein Meilenstein der Technik-Geschichte gelegt.“

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