„Dick, dumm und stumpf“
Wie digitale Medien uns überfordern

Autor und Neurowissenschaftler Manfred Spitzer fällt ein hartes Urteil: Computerspiele machen dick, dumm und stumpfen ab, schreibt er in seinem neuen Buch. Und bessere Schüler sind "Digital Natives" auch nicht.
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DüsseldorfFür die Macher der Spielemesse Gamescom ist es ein Rekord: 600 Aussteller aus 40 Ländern präsentieren in diesen Tagen in Köln mehr als 300 neue Spiele für Computer, Mobiltelefon und Co. Erwartet werden mindestens eine Viertelmillion Besucher. Für den Neurowissenschaftler Manfred Spitzer sind diese Zahlen beunruhigend. "Computerspiele machen dick, dumm, gewalttätig und stumpfen ab", sagt er.

Sein Unbehagen teilen viele, nicht nur Eltern, die sich fragen, wie viel Zeit ihre Kinder am Computer verbringen dürfen und ob ein Ballerspiel aus dem Nachwuchs automatisch einen Amokläufer macht. Auch immer mehr Erwachsene fühlen sich von der Flut der digitalen Medienangebote überfordert. So ist es kein Wunder, dass es Spitzers neues Buch "Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen" nur eine Woche nach Erscheinen auf Platz drei der "Spiegel"-Bestsellerliste geschafft hat.

Der Autor, Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm, greift darin nicht nur die Spieleindustrie scharf an. Unter Berufung auf diverse wissenschaftliche Studien warnt er vor dem negativen Einfluss aller digitalen Medien auf das kindliche Gehirn. Kinder, so Spitzer, lernen durch Begreifen, indem sie Wörter mit der Hand schreiben oder einen Turm aus Klötzen bauen. Wer sein Kind vor einen Computer setze, der ihm lediglich einen Mausklick abverlange, könne es auch in den Keller sperren: "Die von Kindern unter drei Jahren vor Bildschirmmedien verbrachte Zeit ist verlorene Zeit." Weil die entscheidenden Entwicklungen im Gehirn in den ersten Lebensjahren stattfänden, hätten die Kinder später keine Chance mehr, das Versäumte nachzuholen. Ähnlich hat Spitzer schon in einem früheren Buch, "Vorsicht Bildschirm!", vor dem Einfluss des Fernsehens gewarnt.

Manche Erkenntnisse sind daher nicht überraschend. So bedarf es sicher keiner wissenschaftlichen Studien, um zu belegen, dass ein Kind, das mehr Zeit mit Computerspielen verbringt und weniger mit den Hausaufgaben, in der Schule negativ auffällt. Auch dass es gesünder ist, draußen zu spielen, als stundenlang vor einem Bildschirm zu kauern, hatte man irgendwie geahnt. Und die Frage, warum der eine Nutzer von Killerspielen Amok läuft, die meisten anderen aber nicht, wird nicht beantwortet.

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Im schlimmsten Fall drohen Depressionen

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  • "Was Ballerspiele und Co. angeht, davon halte ich allerdings auch nichts. Das fällt für mich unter Volksverblödung oder Brot und Spiele... Der Computer ist für mich primär ein Arbeitsgerät!"

    Ballerspiele machen...wieviel...5%...der PC-Spiele aus?
    Sofern darunter Ego-Shooter verstanden werden natürlich.
    Aber inwiefern fällt das unter Volksverblödung?
    Nehmen wir mal ein Beispiel:
    In dem Spiel The Secret World gibt es sogenannte Quest (Aufgaben) bei denen es nur um kombinatorische Fähigkeiten geht.
    Heißt: Man bekommt z.B. ein Gedicht vorgesetzt und muss dann anhand des Inhalts eine gewisse Stelle in der Welt finden. Dies ist aber nur eine von mehreren Stufen, meist ist das dann eine Schnitzeljagd mit mehreren Hinweisen die ein Kreuzworträtsel aus meinem alten Rätselbüchlein wie eine 1+2 Aufgabe erscheinen lassen.

    In vielen Spielen der Firma Bioware, wie z.B. der Mass Effect Reihe, muss man moralische Entscheidungen fällen.
    Diese moralischen Entscheidungen haben spürbare Konsequenzen auf den weiteren Handlungs- und Spielverlauf.
    Wo kann man bitte in der "richtigen" Welt simulieren, welche Entscheidung welche Auswirkung hat, stellenweise auch nicht sofort sondern erst nach Jahren (Sprich in Mass Effect 1 getroffene Entscheidung auswirkungen auf Mass Effect 3 hat).

    Natürlich geht es primär nicht um sowas, völlig klar.
    Es sind eben "nur" Nebenprodukte die anfallen,
    nichts desto trotz kann man sie nicht einfach wegreden.
    Und viele gute Spiele haben eine exzellente Story die mehr an einen Film oder ein gutes Buch erinnern nur eben DICH als Person mit einbinden.
    Man kann selbst den Verlauf bestimmen...

    Nein, also Volksverblödung ist ein pauschales und schlichtweg falsches Urteil.
    Das du es als Arbeitsstation siehst ist natürlich dein gutes Recht, für mich selbst ist ein Computer ein multifunktionales Gerät. Kein einseitig verwendbares.

  • Ich gehöre altersmäßig nun wirklich nicht zu den Digital Natives, benutze aber Computer und Internet trotzdem sehr intensiv. So viel geballtes Wissen an einer bequem zugänglichen Stelle gibt es sonst nicht (setze sich mal einer in die Unibibliothek, um Recherchematerial zu einem Thema zu sammeln: Das ist eine Sisyphos-Arbeit...). Man muß nur in der Lage sein, in diesem Wust von Informationen das für sich Wesentliche herauszufiltern: Recherche will gelernt sein! Ich sehe in digitalen Medien einen großen Vorteil, keinen Nachteil...
    Was Ballerspiele und Co. angeht, davon halte ich allerdings auch nichts. Das fällt für mich unter Volksverblödung oder Brot und Spiele... Der Computer ist für mich primär ein Arbeitsgerät! Wenn ich mich unterhalten/entspannen möchte, lese ich gemütlich ganz normale Bücher so richtig aus Papier (das können gerne auch mal Fachtexte sein) oder Bildbände, deren ich einige tausend im Regal habe...

  • Was mich an diesem Buch stört, ist die fehlende wissenschaftliche Neutralität. Klar gibt es negative, wie aber auch viele positive Auswirkungen.
    Digitale Medien sollten nicht verteufelt werden, nur weil man selbst weniger damit anfangen kann - Gabs in der Geschichte ja häufiger.
    Was ich eher vermute ist die Tatsache, dass der werte Herr selbst nicht sehr Medienaffin ist und deshalb dagegen wettert. ER wird sich überfordert fühlen, nicht die nachkommenden Generationen und damit kommt er nicht klar.

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