Die Geschäfte eines „digitalen Hausbesetzers“
Evonik vs. Devonik

Tippfehler bei den Absendern machen es möglich: In den USA und Asien verdienen Inhaber von Domains, die bekannten Firmen- und Markennamen sehr ähnlich sind, sechsstellige Summen im Jahr. Der Einsatz dieser „digitalen Hausbesetzer“ ist gering.

DÜSSELDORF. Mark B.* scheint bei der niederländischen Tochter des Mischkonzerns Evonik einen guten Job zu machen: Zumindest meldet sich ein Personalberater per E-Mail bei ihm – es geht um einen Posten als Europachef bei einem anderen Unternehmen. Janice D.*, in England für Evonik tätig, kann sich auch freuen: Ihr Dessous-Katalog trifft in Kürze ein.

All dies hat Manfred Billenstein aus E-Mails erfahren. Fast 100 Stück waren bei ihm seit Oktober eingetroffen, alle waren sie gerichtet an Mitarbeiter von Evonik, der ehemaligen RAG. Und immer machten ihre Absender denselben Fehler: Statt Evonik.com schrieben sie hinter das @-Zeichen Devonik.com. Und diese Internetadresse gehört Billenstein, einem 57 Jahre alten, arbeitslosen Werbekaufmann. Gesichert hatte sich der Hartz-IV-Empfänger seine Marke, wenige Tage nachdem sich die RAG offiziell in Evonik umbenannte.

Der Namensberater Manfred Gotta, der sich „Evonik“ schon 1992 schützen ließ, kassierte von der RAG einen sechsstelligen Betrag für seine Marke. Billenstein gab sich deutlich bescheidener: Gerade mal 2 500 Euro verlangte der stolze Besitzer für „Devonik“. Doch der Konzern bot ihm gerade mal 50 Euro. Schließlich habe sich das Unternehmen schon 300 ähnlich lautende Internetadressen verschafft: „Damit haben wir eine weitreichende Vorsorge getroffen“, sagte eine Evonik-Sprecherin. Nun wollte man kein Präjudiz für Nachahmer schaffen. Ein Deal mit Billenstein kam deshalb nicht zustande.

Für Evonik war Billensteins Vorgehen etwas, was Experten Cybersquatting nennen: „digitale Hausbesetzung“. Darunter versteht man das Sichern von Internetadressen, die denen von Unternehmen ähnlich sind. Vertippt sich ein Nutzer, landet er in der Regel auf einer Seite, die vollgepfropft ist mit Werbung. Die Hoffnung der meisten Cybersquatter: Die fehlgeleiteten Nutzer klicken auf diese Werbung und verhelfen dem Seiten-Besetzer so zu einigen Cent an Einnahmen. Die Masse macht’s dann: In den USA und Asien verdienen viele Squatter sechsstellige Summen im Jahr. Ihr Einsatz ist gering, denn eine Internetseite anzumelden kostet nicht viel: 58 Euro berechnet der deutsche Adressverwalter Denic pro Jahr.

Billenstein verzichtete dagegen auf Werbung und bemühte sich monatelang vergeblich um den Verkauf seiner Internetadresse an Evonik. Doch dann klickte es bei dem Arbeitslosen im Kopf. Hatte sich der Namenserfinder Gotta nicht selbst Adressen wie Tevonik.com oder Evonik.eu gesichert? Billenstein griff zum Hörer: Ein Anruf bei Gotta, „dann hat er meine Domain gekauft“.

* Namen von der Redaktion geändert

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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