Drucker-Hersteller
Die Weisheit der Rasierer

Hewlett-Packard verdient bislang gut mit günstigen Druckern und teuren Patronen. Jetzt rüstet sich das Unternehmen für neue Zeiten. Das Ziel: Drucken aus dem Netz soll einfacher werden.

bn BERLIN. Von den Herstellern von Rasierern lernen, heißt siegen lernen. Gillette und Co. haben es vorgemacht, sie locken ihre Kunden mit günstigen Rasierern und kassieren nachher bei den Klingen ab. Neben den Produzenten von elektrischen Zahnbürsten hat wohl kein Unternehmen diese Taktik so gut verinnerlicht wie Hewlett-Packard (HP). Der Computerhersteller erzielt über die Hälfte seines Gewinns mit dem Druckergeschäft. Viel wichtiger als die eigentlichen Drucker, die das Unternehmen relativ günstig anbietet, sind für das Unternehmen dabei die Tintenpatronen oder die Toner. Schwächelt eine Unternehmenssparte, senkt HP einfach die Preise für die Drucker – sofort schießt der Absatz in die Höhe und schon wenig später müssen viele neue Kunden die ersten teuren Patronen nachkaufen. Der Inhalt einer Druckerkartusche ist im Schnitt teurer als ein Flakon Chanel-Parfüm.

Tochter will keinen Drucker

Weltweit trägt jeder zweite Drucker das HP-Logo. Die Konkurrenz scheint abgehängt. Eigentlich könnte sich Vyomesh I. Joshi, der Chef der HPDruckersparte, also entspannt zurücklehnen. Eigentlich – denn die Zeiten scheinen sich zu ändern. Und das hat Joshi kürzlich am eigenen Leib erfahren, wie er der „New York Times“ erzählte.

Wie jedes Vierteljahr lud er seine Mitarbeiter zu einem „Kaffeeklatsch“ ein, wie er das nennt. Die Stimmung war gut, die Geschäftszahlen stimmten. Aber dann erzählte er von einem Erlebnis, das den Herrn der Drucker tief getroffen haben muss. Seine eigene Tochter, die zurzeit aufs College geht, habe ihm gesagt: „Ich brauche keinen Drucker.“ Und das nicht etwa, weil sie von der Arbeit ihres Vaters nicht überzeugt sei und lieber ein Canon- oder Epson-Gerät wollte. Da sie, wie viele ihrer Altersgenossen, einen Großteil ihrer Zeit online verbringt, braucht sie keine Ausdrucke mehr. Und wenn dann doch einmal ein Internetfund auf Papier gebannt werden soll, spielt oft die Formatierung nicht mit, Texte und Bilder werden abgeschnitten oder widersetzen sich vollständig dem Ausdruck.

Diesem Wandel des Nutzerverhaltens will Joshi nicht tatenlos zusehen. Vor kurzem kaufte HP das kleine Start-up Tabblo. Die Spezialität des Unternehmens: Es soll das Drucken über das Internet erleichtern. Nutzer können selbst Layouts mit Text, Grafiken oder Bildern verknüpfen und dann direkt von der Webseite ausdrucken. „Wir wollen, dass Drucken in der Online-Welt genauso unspektakulär funktioniert, wie in der Desktop- Welt“, sagt Pradeep Jotwani, Vizepräsident der Zulieferabteilung bei HP. Was HP mit diesem Zukauf erreichen will, scheint klar: Das Unternehmen will einen neuen Standard für Ausdrucke aus dem Netz schaffen. Vergleichbar mit dem Acrobat Reader von Adobe oder Sun Microsystems Java.

Von einem solchen Standard würden alle Hersteller von Druckern profitieren. HP als Marktführer wäre aber wohl der größte Gewinner. „Das ist ein Anzeichen einer breit angelegten Strategie, das Internet zu ihren Gunsten zu nutzen“, sagte Charlie Corr, vom Marktforscher Info Trends.

Schon einmal hat Joshi auf neue Trends reagiert. Als der Boom der Digitalkameras aufkam, kaufte HP die Online-Fotoseite Snapfish, auf der Nutzer Fotoalben anlegen und auch Abzüge anfertigen lassen können. In Deutschland sicherte sich HP mit Pixaco aus Jena ein ähnliches Unternehmen. Außerdem hat HP Foto-Kioske in großen Warenhäusern und Drogerien aufgestellt. „Uns ist es letztlich egal, auf welchem Weg der Kunde seine Ausdrucke erhält, Hauptsache wir sind involviert“, sagte Joshi der „WirtschaftsWoche“.

Bei der Belegschaft beliebt

Bei allen seinen Plänen kann sich Joshi auf die Unterstützung von HP-Chef Mark Hurd verlassen. Als ein Nachfolger für dessen Vorgängerin Carly Fiorina gesucht wurde, war auch Joshi im Gespräch. Dass sich Hurd schließlich durchsetzte, scheint Joshi nicht zu belasten. Und Hurd ist klug genug, seinen wichtigsten Manager bei seinen Neuentwicklungen freie Hand zu lassen. Das hat nicht nur mit dem Erfolg der Druckersparte zu tun, die in Joshis Verantwortung fällt. Der gebürtige Inder ist bei der HP-Belegschaft sehr beliebt. Sie schätzen vor allem sein warmherziges Auftreten und seine unkomplizierte Art. Als Joshi vor über 25 Jahren als Testingenieur bei dem Unternehmen anfing, konnte er sich kein Auto leisten. Also ging er sechs Monate lang zu Fuß zu seinem Arbeitsplatz – einer Tintenfabrik in San Diego – bis er das Geld zusammen hatte.

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