Ebay-University
Tückisches Geschäft

Ebay pflegt seine gewerblichen Kunden sorgsam. Schließlich sind es die kleinen selbstständigen Händler, die einen Großteil der Gebühren zahlen – und damit einen erheblichen Brocken zum Konzernumsatz beitragen. Doch der Internet-Handel ist ein tückisches Geschäft. Auf der „Ebay-University“ sollen neue Händler dafür fit gemacht werden.
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DÜSSELDORF. Es dauert ein paar Sekunden, bis sich die rund 100 Gäste im Saal von ihren Plätzen erhoben haben. Dann stellt Projektleiterin Karola Paul wie zu Beginn jedes Ebay-University-Tages ihre Fragen: Wer hat mehr als 100 Kundenbewertungen? Der bleibe bitte stehen. Kurze Unruhe. Das Spiel erinnert an Übungen zum Kopfrechnen in der Schule. Ein Viertel der Versammelten setzt sich. Mehr als 200 Bewertungen? 20 weitere nehmen zögerlich Platz. Bei der Frage nach mehr als 1 000 stehen noch zehn - bei der Marke von 10 000 Bewertungen noch fünf Leute. Als Erik Heber, Student der Bergakademie im sächsischen Freiberg und einer der noch Stehenden, die Zahl seiner Kundenbewertungen verrät, geht ein leises Raunen durch die Reihen der berufsmäßigen Ebay-Händler im Saal des Dresdner Kongresszentrums. Einige nicken anerkennend - 55 000 Bewertungen seien es, sagt der 23-Jährige. Im vergangenen Jahr hat Heber neben dem Studium eine halbe Million Euro Umsatz via Ebay gemacht, er beschäftigt fünf Freunde, und „kann davon leben“.

Der kalifornische Internet-Auktionsriese Ebay pflegt seine gewerblichen Kunden sorgsam. Schließlich sind es kleine selbstständige Händler wie Heber, die einen Großteil der Gebühren zahlen, und so einen erheblichen Brocken zum Konzernumsatz beitragen. Den genauen Anteil hält Ebay geheim. Mit eintägigen Veranstaltungen, die der Konzern ein wenig überschwänglich "Ebay-University" getauft hat und hierzulande regelmäßig in Städten wie Düsseldorf, München und Dresden arrangiert, sorgt er dafür, dass der Nachschub an zahlenden Händlern nicht abreißt. Schließlich rutschen immer wieder Verkäufer in die Pleite oder geben ihr Geschäft aus anderen Gründen auf. Zudem verabschieden sich momentan viele etablierte Händler wegen zu hoher Gebühren von Ebay und machen lieber mit eigenständigen Online-Shops Umsätze, von denen die Amerikaner keinen Cent sehen.

Der Internet-Koloss greift deshalb vor allem Neulingen mit Seminaren zu Online-Recht, Markenaufbau und Warenwirtschaft unter die Arme - und auch ein wenig in die Taschen; für Fortgeschrittene kosten die Kurse 70 Euro, für Anfänger 45. In der lichtdurchfluteten Eingangshalle des Tagungszentrums feilt der Konzern mit Merchandising-Artikeln wie mit dem Firmenlogo bedruckten T-Shirts am Ebay-Kult. Das Unternehmen gibt sich Mühe, die Bundesrepublik ist schließlich hinter den USA der zweitwichtigste Markt. Zudem ist nirgends der Anteil von Ebay-Mitgliedern an der Gesamtbevölkerung so groß wie hier. Über 20 Millionen Menschen sind auf der deutschen Seite angemeldet. Rund neun Millionen Artikel finden sich im Schnitt im Portal.

Student Heber ist jedoch weniger wegen der Vorträge aus seinem 43 000-Einwohner-Städtchen im Erzgebirge zur Ebay-University in die sächsische Landeshauptstadt gereist. Der Freiberger trifft sich mit anderen seines Schlags, den sogenannten Powersellern. Hilfe beim Geschäftsaufbau braucht der junge Mann - das graue Hemd ordentlich in der Hose und das grüne Ebay-Schlüsselband mit Namensschild um den Hals - nicht. Sein Unternehmen brummt. Heber, inzwischen im sechsten Semester an der Bergakademie, verkauft heute von der Schwarzlichtlampe bis zu farbig beleuchteten Computerkühlern alles, was mit Licht zu tun hat. Mit seinem Leuchtenhandel international zu expandieren ist allerdings "derzeit nicht drin". Einen Online-Verkauf neben dem Studium zu betreiben "ist hart". 150 bis 200 Pakete packen, verkleben und verschicken er und seine fünf Mitstreiter bei Nox Electronics am Tag. Wenn keine Ware zu versenden ist, müssen sie einkaufen, den Markt und die Konkurrenz beobachten.

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