Einfach zu erstellen und sehr publikumswirksam
Vorsicht! Giftige Schreiber!

Am 12. September 2004, kurz nach elf, ist die Welt für den amerikanischen Fahrradschlosshersteller Kryptonite noch in Ordnung. Die Schlösser der Firma verriegeln, was zu verriegeln ist: Münzwaschautomaten wie Motorboote, Laptops wie Gartenhaustüren – und vor allem Fahrräder. Kryptonite, das ist das Microsoft der Schlösser, der Standard, der Platzhirsch. Um 11.16 Uhr amerikanischer Ostküstenzeit an diesem Septembermorgen bekommt dieser Zwölfender seinen ersten Schuss – und er merkt es nicht einmal.

HB DÜSSELDORF. Den Abzug zieht Chris Brennan, ein IT-Sicherheitsspezialist aus San Francisco, Hobby: Fahrradfahren. Immer wieder waren ihm in den Monaten zuvor teure Teile seiner Räder gestohlen worden, vor allem Reifen. Nun aber schäumt er vor Wut: Ein Freund hat ihm gerade demonstriert, wie man das 50 Dollar teure Kryptonite-Schloss Evolution 2000 knackt – mit einem Kugelschreiber. Kuli reinstecken, rütteln, auf ist das Schloss.

Brennan beschreibt sein Erlebnis auf der Online-Diskussionsplattform Bike Forums und löst damit eine Lawine aus, die zeigt, wie sehr Unternehmen sich auf eine neue Gefahr aus dem Internet einrichten müssen: Image-Schäden durch Web-Tagebücher, im Fachjargon Weblogs genannt.

Fast alle dieser Blogs, wie sie auch kurz heißen, sehen gleich aus: oben der aktuellste Beitrag, unten die Kommentare von Lesern. Das Besondere: Weblogs sind einfach zu erstellen, meist persönlich gehalten und laden explizit zur Diskussion ein.

Ein solches Weblog ist auch Engadget. Hier werden die neuesten technischen Spielzeuge besprochen, vom PC-Bildschirm bis zur Parfüm versprühenden Armbanduhr – für Technik-Fans und Journalisten ein Anhaltspunkt, um sich auf den neuesten Stand zu bringen.

Als die Kryptonite-Geschichte zwei Tage nach Brennans erster Meldung dort erwähnt wurde, potenzierte sich die Wirkung. Nun griffen auch andere Weblogs und Nachrichtendienste den Schloss-Mangel auf, selbst die „New York Times“ und der „Boston Globe“ berichteten darüber.

Und Kryptonite selbst? „Wir beobachten das Internet genauso systematisch wie Print-Medien, Radio und Fernsehen. Wir haben sofort rund um die Uhr gearbeitet, um eine Lösung zu finden“, behauptet Firmensprecherin Donna Tocci. Trotzdem brauchte es fünf Tage für ein dürres Statement auf der Homepage, inzwischen können alle alten Schlösser gegen neue mit verbesserter Technik getauscht werden. Doch wer auf Google „Krytponite“ eingibt, stößt weiter nach weniger als zehn Beiträgen auf die Kugelschreiber-Affäre.

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